Defekte Dichtung

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Projektdaten:

  • Titel: Defekte Dichtung
  • Bündnispartner 1: Grips-Theater, Altonaer Str. 22, 10557 Berlin
  • Bündnispartner 2: Zentrum für Sprachbildung (ZeS), Levetzowstraße 1-2, 10555 Berlin
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Berlin e. V., Falckensteinstraße 34, 10997 Berlin
  • Autorenpate: Wolf Hogekamp ist Mitherausgeber der „Poetry-Slam-Fibel“ (Satyr Verlag), dem Standardwerk für deutschsprachigen Poetry-Slam. Er veröffentlichte den Gedichtband „Es regnet Ponys“ (Lektora Verlag) und die erste DVD für Poetry Clips, die erste Sammlung von Poetry-Slam-Texten im Video-Format. Der studierte Filmemacher ist Organisator der ältesten regelmäßigen deutschen Poetry- Slam-Veranstaltungsreihe im Berliner Club „Ritter Butzke“. Er ist der Begründer und Erfinder der Deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften. Neben Buch, CD- und DVD-Veröffentlichungen kümmert sich Wolf Hogekamp seit Jahren um die Nachwuchsförderung im Poetry Slam. 2014 organisierte er zusammen mit Lars Ruppel die deutschsprachigen Meisterschaften im U20-Poetry-Slam als Talentschmiede für Schreibkünstler unter 20 Jahren.
  • Zeitraum: 01.01.2018 - 31.12.2018
  • Format: Modul 1 (ganzjährig)
  • Ort: Berlin
  • Bundesland: Berlin
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 48


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 48

Cover der Autorenpatenschaft Nr. 48

 

Projektbeschreibung

Kinder und Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren tragen bei einem Jugend-Poetry Slam selbstverfasste Gedichte, Geschichten und auch Team-Texte vor. Wie beim herkömmlichen Poetry-Slam entscheidet das Publikum durch Punkte oder Applaus, wer mit eigenen Texten den Poetry-Slam gewinnt.

In unserem Projekt „Defekte Dichtung“ werden die Slam-Beiträge der Projektteilnehmer und -teilnehmerinnen schriftlich vorbereitet und für die Bühne weiterentwickelt. Wortwitz, Pointen, geschickte Hinwendung an das Publikum, originelle Plots und ausdrucksstarke Mimik, Gestik und Stimmführung (Performance) können gemeinsam mit den Autorenpaten entwickelt werden.

Als Teilnehmer*innen sollen bevorzugt Jugendliche angesprochen werden, die über ihre Familien kaum Zugang zu Büchern und zur Literatur erhalten. Der Zugang zur Zielgruppe wird durch das Berliner Zentrum für Sprachbildung hergestellt, welches über Fachlehrer in Schulen der Berliner Bezirke hineinwirken kann, um interessierte Talente für das Projekt zu finden.

Zur Vorbereitung für ihre Auftritte werden die Jugendlichen in dieser außerschulischen Workshop-Reihe von den professionellen Bühnendichtern Wolf Hogekamp (Hauptautorenpate), Tanasgol Sabbagh und Katharina Huboi als Autorenpaten begleitet. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Ideenfindung, der Textarbeit und der Schulung für eine überzeugende Präsentation. Krönender Abschluss des Projektes wird eine Buchveröffentlichung und dazu passend ein öffentlicher U20-Poetry-Slam im Grips Theater sein, dessen Gewinner zu den deutschsprachigen U20-Meisterschaften reisen werden.

 

Bilder

Für diese Autorenpatenschaft liegt uns leider kein digitales Bildmaterial vor. Schauen Sie doch mal in das entstandene Buch!

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 48


Trojanisches Pferd


Dein innerer Wert ist so gar nichts mehr wert

Fassaden verführen – Trojanisches Pferd


Weil nichts lange währt und sich niemand mehr wehrt

Ist die Liebe ein Wert, der heut niemanden schert

Den heut niemand mehr shared

Du siehst nur das Front-End, doch nie das Netzwerk

Dich könn schöne Augen und Botox-Lächeln anziehn

Doch du begreifst nur Oberflächen – Touchscreen

Die Mordlust der Sirenen

Aus den Augen verloren wie Tränen

Haben Einfluss wie Venen

Bereiten Kopfschmerzen – Migränen

Alle gespannt so wie Sehnen

Sehnen

Sehnen wir uns nach dem Interface

Die Wahrheit ein Schlag in the face

Gucken, doch sehen nicht

Es läuft, doch es geht so nicht


Dein innerer Wert ist so gar nichts mehr wert

Fassaden verführen – Trojanisches Pferd


Bent-Erik Scholz, 17 Jahre


Berlin


Hohe Häuser, bunte Straßen,

Menschenmengen und Neonfarben.

Rote Pflaster, dunkle Gassen,

dreckig, kalt und grau.

Jedermanns Heimat, doch allen fremd.

Viele Seiten – kein Gesicht.


Marie Kiesel, 15 Jahre


Der Obstmann, das Ampelmännchen, die Sterne und du


Dort, wo es unter den Brücken nach Pisse stinkt und die Jugend vielleicht ein bisschen zu viel trinkt, da spielt unsere Geschichte. Berlin nennt sich der verwunschene Ort. Und nicht wenig, was nun in der Hölle schmort, ist da schon gewesen. Nun, damit die Umstände geklärt sind, beginnen wir doch mit dem Problemkind. Macht euch gefasst und sperrt auf die Öhrchen, greift nach der Limo und packt aus die Trinkröhrchen.

Es war einmal einmal ein Mädchen, das läuft gerade eine Straße entlang. Es ist dunkel. Sie befindet sich irgendwo im Norden Berlins, es ist eine kleine Straße. Sie läuft, ihre Hände in den Taschen, im Schal ein paar lose Maschen, in den Ohren trägt sie kleine weiße Stöpsel, aus denen Musik dröhnt, an die schiefe Sinfonie in ihrem Kopf hat sie sich längst gewöhnt.

Wie das Mädchen so läuft, sieht sie einen Laden. In dem Laden wird frisches Obst angeboten, sie war dort schon oft. Doch an diesem Tag ist es anders. Die Nachtsonne flüstert ihr unbemerkt was ins Ohr und auf einmal überkommt sie eine Welle der Wut. Sie würde sich jetzt gerne die Stöpsel aus den Ohren reißen und schreien. Sie würde schreien: „Warum stehst du da so dumm rum, du blöder Obstmann? Hast du denn nichts Besseres zu tun in dieser Nacht? Eine Nacht aus Glas möcht ich wohl sagen, da sind ein paar Sachen, die an mir nagen. Um eines möchte ich Sie bitten, hören Sie doch auf mit diesen Tritten! Sie treffen mich mitten ins Herz und Oh! Sie verursachen mir so einen Schmerz! Sie machen mir das Leben zur Hölle! Zur Qual! Es ist eine Schande! Also, bitte, bitte lieber Obstmann, hören Sie auf, so ein verdammtes Arschloch zu sein!“

Doch dann merkt sie, es ist nicht der Obstmann, auf den sie sauer ist, nein, sie weiß, dass du es bist.

Sie läuft schneller, in der Hoffnung, dass du sie in Ruhe denken lässt. Ihre Beine bewegen sich im Takt der Musik, doch ihr Herz schlägt dagegen an. Sie läuft weiter Schritt für Schritt. Sie versucht, sich vom Aufgeben abzuhalten, Schritt für Schritt. Sie sagt sich: 1, 2, 1, 2, 1, 2, links, rechts, links, rechts, links, rechts, Schritt für Schritt. Sie tut alles, um nicht stehen zu bleiben. Doch da wagt es das kleine rote Berliner Ampelmännchen doch tatsächlich, sich ihr in den Weg zu stellen. Daraufhin ballen sich ihre kleinen Hände zur Faust. Mit eiskalten, bloßen Knöcheln beginnt sie auf die Ampel einzuschlagen, dabei zischt sie: „Warum ist die Welt so böse, immer nur Blitz und Sturmgetöse? Was soll das, womit habe ich das verdient, ich habe dir doch immer gedient und trotzdem steht dieses beschissene Ampelmännchen jetzt hier und hält mich auf, ich, ich, ich suche doch nur nach dem Türknauf! In der Luft fliegen Keime, ich mache schlechte Reime, ich will dich treten, du bekacktes Ampelmännchen, einmal richtig durchkneten! Ich will dich schlagen, plagen, aus der Ampel reißen und beißen, ich will dich umhauen, abbauen, zerreißen und wegschmeißen, zertrampeln und abstrampeln, zerdrücken wie die Bergmücken, denn ich HASSE, HASSE, HASSE DICH!!!

Als es grün wird, merkt sie, nicht das Ampelmännchen ging ihr gegen den Strich, nein, ihre Wut richtete sich gegen dich. So tragen ihre Füße sie weiter und weiter. Als sie in den Nachthimmel schaut, sagt sie: „Wenn ich in den Himmel schaue, scheinen mir die Sterne wie ein Fischschwarm. Wenn ich meine Hand nach ihnen strecke, kriege ich sie nie zu fassen. Anscheinend schwimmen sie schneller, als meine kleinen Finger nach ihnen greifen können.“ Plötzlich macht sie das sauer. Wie kann es sein, dass die Sterne, die dort oben so unschuldig leuchten, so verdammt asozial sind? Sollten sie nicht eigentlich über alle wachen? Die Sterne lügen nicht, hat Schiller gesagt, doch wie sollen sie auch lügen, wenn sie gar nichts sagen? Inzwischen ist das Mädchen so sauer, dass es nicht mal mehr reimen kann. Und abermals fällt ihr auf, dass sie nicht sauer auf die Sterne ist, sondern auf dich, und da wird sie wild. „Wie wagst du es, mir die Sterne zu nehmen?“ ruft sie in die Nacht, „Was soll als nächstes kommen? Willst du die Silhouette des Mondes ändern? Soll ich dir den Wind, die Sonne, die Blumen und die Ozeane schenken? “. Da fasst sie einen Entschluss. Sie weiß ganz genau, dass du die Sterne liebst. Langsam und unbemerkt will sie in den Himmel klettern und die Sterne in ihren Taschen verstecken, denn dann, so viel weiß sie, ist diese Stadt leer. Dann kannst auch du sie nicht mehr sehen. Doch ehe die Sterne ausglommen, merkte sie, sie war am Bahnhof angekommen.

Jetzt ist sie da, und dieser Text vorbei, ihr Gehirn verbleibt als zäher Brei. Nun sag mir, was hast du gelernt, was ist die Moral der Geschicht?

Greif niemals nach den Sternen nicht?


Rosalie Radtke, 15 Jahre


Wie buchstabiert man Frieden?


Wie buchstabiert man Frieden?

F-R-I-E-... Nein, stop! Ich meine:

Wie buchstabiert man Frieden? Wie lebt man Frieden? Wie lebst DU Frieden?

“Äh, was eh ich, also mmh… Wenn alles friedlich ist, ist doch Frieden.”

Und du?

“Tja, der da oben sagt schon, was richtig und falsch ist.

Wenn alles richtig ist, ist Frieden.”

Und du?

“Wenn die Maschine funktioniert. Blöde Frage, ran an die Arbeit!”

Und du?

“Puh, also, wenn sich alles im Ausgleich befindet, oder so?”

Und ich?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Eben war Frieden noch so klar. Doch nun steht dieses Wort im Raum, offen wie das Meer. Und wenn ich frage, was Frieden ist, habe ich nur noch mehr Fragen:

Was heißt “friedlich”?

Woran erkenne ich “richtig und falsch”?

Funktionieren als Lebensziel – “das innere Funktionieren finden” – soll es das wirklich gewesen sein?

Und was soll das heißen – “ausgleichen”? Ausgleichen wie in Gleichungen, aber dann wäre die Welt so berechenbar. Irgendwie scheint so vieles so kurz gegriffen, so vereinfacht. Und je weiter ich mich in das Thema begebe, desto mehr verstricke ich mich in Fragen.

Frage um Frage, Masche um Masche werde ich ein gestrickt, bis ich fast erstick’, denn die Gedanken rauben mir den Atem. Ich schau’ mir alles an und kann gar nicht fassen, dass ich das alles sehen kann. Doch nur in Gedanken schwebend ist das Leben plötzlich schwerer.

Ich halte einen Moment inne: Ich muss raus aus diesem Stoff, doch den Faden nehme ich mit. Ich fange an zu laufen. Während ich laufe, läuft etwas vom Faden aus. Der Faden legt sich über alles, mit dem ich in Verbindung stehe. Und während ich weitergeh’, spannt sich ein Netz über die ganze Welt, bis zum Mond und den Sternen hinaus: Jedes Atom im Netz.

Ich bleibe kurz stehen, schaue mich um und versuche zu verstehen: Spannt sich durch das Leben gar kein roter Faden, sondern ein rotes Netz? Ein rotes Netz der Liebe?

Doch, warte, was hat das jetzt mit Frieden zu tun?

So richtig fassen kann ich es noch immer nicht. Aber das ist in Ordnung, es ist ja auch nicht zum Anfassen gemacht. Oder? Ich merke, die Fragen bleiben und nur wenn ich gehe, leben sie.

Frieden als lebendige Frage.

Frieden als lebendige Frage?

Frieden?

Carla Ida Moschner, 18 Jahre

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