Frische Texte! – Ferienschreiben

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Projektdaten:

  • Titel: Frische Texte! – Ferienschreiben
  • Bündnispartner 1: Kreatives Schreiben e.V., Seestraße 98, 13353 Berlin
  • Bündnispartner 2:Satyr Verlag, Berlin, Auerstr. 25, 10249 Berlin
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Berlin e.V., Falckensteinstraße 34, 10997 Berlin
  • Autorenpatin: Rebekka Knoll
  • Autorenpate: Michael-André Werner
  • Autorenpate: Frank Sorge
  • Zeitraum: 01.01.2018 - 31.12.2018
  • Format: Modul 1 (ganzjährig)
  • Ort: Berlin
  • Bundesland: Berlin
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 57


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 57

Cover der Autorenpatenschaft Nr. 57

 

Projektbeschreibung

Es werden für interessierte Teilnehmer aus Berliner Schulen mit Schwerpunkt Berlin- Wedding und Moabit mehrstündige Schreibwerkstätten durchgeführt. Die so gewonnenen Teilnehmer finden sich in den Tageswerkstätten als wachsende Gruppe zusammen und können sich für eine mehrtägige Werkstatt in den Berliner Herbstferien anmelden, die das Schreiben vertieft und von Autorenbegegnungen begleitet ist. Diese Werkstatt bietet ein vielfältiges Programm aus Schreibanregungen, Autorentipps und Kritikrunden und schließt mit einer öffentlichen Abschlusslesung. Die Werkstatt soll mit Übernachtung stattfinden, betreut von erfahrenen Autoren als Werkstattleitern. Der Erfahrung nach erhöht das mehrtägige Konzept mit Übernachtungen die Wirkung und Verbindlichkeit des Angebots, das Gruppenerlebnis wirkt weit über den Zeitraum hinaus.

Die Werkstätten zielen darauf, Lust und Spaß am kreativen und literarischen Schreiben zu wecken und zu vertiefen, sowie Einblicke in die Arbeitsprozesse des Autorenberufes zu geben. Vor allem das literarische Schreiben ist oft ein einsames Geschäft, das merkt man schon, wenn man damit beginnt. Unter den vielfältigen kreativen Interessen von Mitschülern und Freunden findet man mit dem Schreiben oft wenig Verbündete. Auf Gleichaltrige in größerer Zahl zu treffen, die dieses Interesse teilen, und mit ihnen ein paar Tage zu verbringen, stärkt und fördert Kontakte, die weit über die Werkstätten hinaus zeitlich wirken können. Der persönliche Austausch berührt Lebens- und Berufsfragen.

Die Werkstätten können übergeordnete Themen haben. Diese sind Orientierung und Schwerpunkt für einen Teil der angebotenen Arbeitsgruppen. Neben dem Schreiben selbst gehört das gemeinsame Besprechen und Kritisieren, Kürzen, Korrigieren und die öffentliche Präsentation im Rahmen einer Lesung fest zum Programm.

 

Bilder

Für diese Autorenpatenschaft liegt uns leider kein digitales Bildmaterial vor. Schauen Sie doch mal in das entstandene Buch!

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 57


Rotkäppchens Wolf


Es war einmal ein Wolf. Der Wald war sein Revier. Niemand traute sich in den Wald hinein, denn sie hatten Angst vor ihm. Nur eine alte Hütte hatte sich irgendwo versteckt und beherbergte einen kranken und schwachen Menschen.

Der Wolf lag auf einem weichen Blätterhaufen und stand auf. Sein Magen war leer und er bekam Hunger, doch was er im Wald fand, wollte er nicht mehr essen. Denn es war ihm zu eintönig geworden. So schlich er, immer suchend nach neuer Nahrung, im Wald herum. Dabei begegnete ihm ein zartes, kleines Mädchen. Als er das Mädchen sah, entwickelte sich ein Plan in seinem Kopf und er begann ihn in die Tat umzusetzen. Er sprach mit dem Mädchen und brachte sie dazu, Sachen zu erzählen und ließ sie das Geheimnis der unergründlichen Hütte ausplaudern.

Da er solch einen großen Hunger hatte, begab er sich – als das Mädchen nicht auf ihn achtete – auf den Weg zur Hütte. Besessen vom Hungergefühl ging er in die Hütte und fraß eine alte Frau auf, die sich nicht wehrte. Sie schmeckte sehr lecker und der Wolf liebte seit diesem Tag Menschenfleisch.

Irgendwann trat das Mädchen ein und der Wolf lag im Bett der Alten. Floskeln wurden ausgetauscht und dann riss er sein Maul auf. Seine rasiermesserscharfen Zähne zerstückelten den Körper des Mädchens und nahmen den Inhalt in seinen Magen auf. So voll wie er war, legte er sich hin und bemerkte nicht einmal, was mit ihm passierte.

Hätte er sich nicht hingelegt, hätte er den Jäger auch noch fressen können und seine Gier nach Menschenfleisch weiter ausbauen können. Hätte er die Alte nicht gefressen, dann wäre da noch Platz für den verdammten Jägersmann gewesen, der ihn nun mit verdammten Steinen befüllte. Doch dafür war es nun zu spät.

Doch irgendwie gelang es dem Wolf die verdammten Steine auszukotzen und sich aufzurichten. Seine Rache war so groß und so unberechenbar. Der Geruch des Jägers lag in seiner Nase und er folgte diesem. Dann, als er ihn gefunden hatte, fraß er ihn Stück für Stück, langsam und quälend auf.

Seit diesem Tage aß der Wolf nur noch wunderbar, köstliches, lecker duftendes Menschenfleisch. Denn dies war seine Bestimmung.

Özge Yildiz


Der Braus


Es fegt der Braus durch alle Fugen

Zieht Blatt und Stock in seinen Bann

Erweckt den Hof mit frost’gen Schweifen


Die Körb’ schafft flink das Burweib ran

Zu Zweigzeug, wo die Quitten reifen

Und Nüsse aus den Schalen lugen


Man sieht sie aus dem Schlachthaus schleifen

Viel Fleisch und Pelz, den Tiere trugen

Dass König Frost nicht würgen kann.

Lisa Starogardzki


Body Positivity


Der Geruch von kaltem Rauch steigt mir in die Nase und beißt sich dort fest. Tief atme ich ein und versuche, alles in mich aufzusaugen. Das kreischende Meer, die tanzenden Äste in der Abenddämmerung und die summenden Stimmen meiner Familie. Mein Stamm. Sie alle stehen ein paar Meter weiter um das knisternde Feuer versammelt, ihre Gesichter sind orange erhellt. Sie weinen. Kleine, schimmernde Erinnerungen an Derek tropfen auf den Boden. Doch neben ihrer Trauer sehe ich vor allem ihre Wut. Ihre Wut auf ihr Leben und was dieses Leben im Reservat mit ihnen macht. Kein Wunder, denke ich, Derek ist schließlich schon der dritte in diesem Jahr. Warum musste es ausgerechnet jetzt passieren? Ausgerechnet einen Tag bevor ich das Reservat verlassen möchte? Kann ich meine Familie jetzt zurücklassen? Doch, das kann ich. Schließlich ist Dereks Tod ein weiterer Grund es zu tun.

Damit ihr versteht, was ich erzähle, werde ich wohl ein bisschen weiter ausholen müssen. Mein Name ist Taini und ich bin eine Lakota-Indianerin. Das Pine Edge Reservat ist mein Zuhause, trotzdem werde ich morgen früh um halb sechs in einem Bus in die Stadt sitzen. Denn das Leben im Reservat ist nicht so, wie viele es sich vorstellen. Es ist hart. DieMenschen hier kämpfen jeden Tag. Dinge, die euch vielleicht für selbstverständlich erscheinen sind es hier nicht. Denn der Wohnraum hier ist knapp. Familien schlafen deshalb in Autos und Zelten, selbst wenn der Schnee den Boden erstarren lässt. Doch selbst wenn man das Glück hat ein Haus zu besitzen, hören die Probleme nicht auf. Ich lebe zusammen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern in einem kleinen Trailer nahe des Pinienwaldes. Der Platz ist knapp und von einem Wasser- und Stromanschluss können wir nur träumen. Neben dem Platzmangel gibt auch nicht genügend Arbeitsplätze. Viele hier sind arbeitslos und versuchen verzweifelt ihre Familien über Wasser zu halten. Nur die wenigsten halten die Armut und Hoffnungslosigkeit hier aus und versuchen sie mit Alkohol und Drogen zu ertränken. Die Leute trinken, bis sie und ihr Leben im Alkohol untergehen, und sie nichts mehr spüren können. Bis sie nichts und niemanden mehr spüren können.

Derek war einer von ihnen. Wie viele hat er versucht, der Einsamkeit und Traurigkeit zu entkommen. Für Leute in unserem Alter ist es besonders schwer. Nur die wenigsten schaffen es einen Job zu bekommen. Also, nun wisst ihr es. Deshalb muss ich gehen. Ich möchte nicht so enden wie die meisten hier. Meine Familie hat nicht viel Geld, aber ich habe heimlich etwas zusammengespart. Es ist nicht viel, was hinter meinen alten Schulbüchern versteckt liegt, aber es sollte für die ersten Tage reichen.

Traurig lasse ich den Blick über den schlafenden Ozean schweifen. Eines Tages, denke ich, eines Tages werde ich zurückkommen und meinem Stamm helfen. Ich werde ihnen helfen, wieder zu den stolzen Indianern zu werden, die wir einst waren. Und doch kriecht langsam das Gefühl der Schuldheran und beißt sich fest. Ich hoffe sie können meine Entscheidung eines Tages verstehen.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle gestehen, dass das nicht der einzige Grund ist warum ich gehen muss. Ich gehe, um endlich jemand neues sein zu können. Jemand ohne diese hässlichen Flecken. Denn ich bin nicht nur eine Lakota-Indianerin, nein, ich gehöre auch zu den wenigen Menschen, die an der Pigmentstörung „Vitiligo“ leiden. Das bedeutet mein Körper ist über und über mit ausgefransten, hässlichen Flecken beschmiert. Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, was das in einem kleinen Reservat wie meinen bedeutet, aber ich verrate euch nur so viel. Seid froh, dass ihr es nicht habt. Ihr seid immer die eine, die jeder nur aufgrund ihres Aussehens kennt. Nicht eure Persönlichkeit, sondern nur die Oberfläche von euch zählt. Ihr seid die, die schon von klein auf irgendwo keinen Platz hat. Bist du weiß oder schwarz? Sag schon, wo gehörst du zu, drängen sie dich. Immer gehörst nur zu einem Teil dazu, nie ganz. Meine Hoffnung ist, dass das in der Stadt anders ist, dass es vielleicht noch mehr von mir gibt, denen es genauso geht.

Ich seufze. Das Summen meiner Leute ist mittlerweile schon fast verstummt. Nur ein zartes Fliegen der Töne spürt man noch. Ich schließe meine zitternden Augen und versuche alles in mich aufzunehmen. Das Kitzeln der rauen Sandkörner an meinen Füßen, das schmerzhafte Jaulen des Windes über dem Ozean und das Klopfen der Äste. Es riecht nach brennenden Holz und salzigem Meer. Und ein bisschen nach Abschied.

Plötzlich höre ich ein murmelndes Rascheln hinter mir. Die Blätter des Sommers fallen zu Boden. Der Wind hört auf zu stöhnen und beginnt, das Lied der Nacht zu wirbeln. Wakan da. Wakanda ist da. Ich drehe mich zu ihr um und ihre weisen Augen treffen die meinen. Ruhig und forschend blickt sie auf mich hinab. Das faltige Gesicht voller Geschichten, sodass ich die Buchstaben vor mir zusammen mit dem Wind tanzen sehen kann. Ihr graues, langes Haar fließt leise wie der Ozean an einem warmen Herbsttag über ihren Rücken. Die knorrigen Finger, die an die Rinde des alten Kastanienbaums erinnern, umschließen fest ihren Stock. Wakanda ist die Stammesälteste.

Greta Stolze

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