Projektdaten:

  • Titel/Thema: Textlabor
  • Bündnispartner 1: Die Weiße Rose, Kulturcentrum am Wartburgplatz, Martin-Luther-Straße 77, 10825 Berlin-Schöneberg
  • Bündnispartner 2: Kreatives Schreiben e. V., Seestraße 98, 13353 Berlin
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Berlin e.V., Falckensteinstraße 34, 10997 Berlin
  • Autorenpate: Michael André Werner in Berlin geboren, Satiriker, Romancier. Er tritt bei Lesebühnen und Poetry Slams auf und gibt sein Wissen und seine Erfahrung in Schreibwerkstätten an Jugendliche weiter. Romane: »Kopf hoch, sprach der Henker« 2014, »Ansichten eines Klaus« 2012, »Schwarzfahrer« 2003.
  • Zeitraum: 01.06.2018 - 09.06.2018
  • Format: Modul 3 (kurzzeitig)
  • Ort: Berlin
  • Bundesland: Berlin
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 87


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Für diese Maßnahme ist auf Grund der kurzen Dauer keine Publikation vorgesehen. Texte und Bilder des Projektes finden Sie weiter unten.

 

Projektbeschreibung

Kinder und Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren treffen sich im Kulturcentrum, um durch Schreibspiele in den Prozess des Kreativen Schreibens einzusteigen (Freitag). Am Samstagvormittag gehen wir gemeinsam in die Stadt hinaus und beobachten, wo überall Text ist. Was für Text das ist, wie sich dadurch die Stadt „lesen“ lässt. Alle Teilnehmenden machen sich Notizen. Dies kann im Umfeld des Kulturcentrums und auf einer gemeinsamen Ringbahnfahrt geschehen. Wer möchte, kann dabei fotografieren.

Im nächsten Schritt sammeln und besprechen wir die Eindrücke und schon entstandenen Textteile. Im gegenseitigen Feedback entwicklen wir Schreibprojekte, die in einer längeren Schreibphase (ca. 3 Stunden) entstehen können. Dabei stehen die erfahrenen Werkstattleiter*innen unterstützend zur Seite. In einer erneuten Feedback- und Austauschrunde beschäftigen sich Teilnehmende und Leiter*innen im Textlabor mit dem Kern, den Grenzen und Möglichkeiten der Texte. Anregungen zu ihrer literarischen Auseinandersetzung mit den vorhandenen Textformen, Textcollagen und Fotos. Daraus ergeben sich Schreibaufgaben für den letzten Tag, an dem die Texte fertiggestellt, gemeinsam lektoriert werden und ihre Präsentation vorbereitet wird.

Darauf folgend findet eine Lesung, ebenfalls im Kulturcentrum Weiße Rose statt. Die Teilnehmenden erleben sich selbst als Vortragende, das Wechselspiel mit dem Publikum, und die Veränderung, die Texte durch eine Öffentlichkeit erleben.

 

Bilder

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 87


Straßennamen

Die Knesebeckstraße, eine Straße am Ku’damm benannt nach den berühmten Ort in Niedersachsen. Eine großartige Straße für eine großartige Stadt.
An der Ecke in Gedanken an das ehemalige Königshaus ein “Princess Cheesecake” .
Ein Yogastudio spiegelt den Sportenthusiasmus der Bürger Knesebecks wieder und das „Vagabunt“ ihre Freude am Alkohol. Doch nicht nur dem alteingesessenen soll man gedenken. Zu Ehren des Jugendlichen Knesebecks sind hunderte hungrige Hipster über die Straße verstreut.

Anlässlich der ersten Autos, welche im vorherigen Jahr in Knesebeck eingeführt wurden, ein dreckiges Parkhaus, das jedem zu teuer ist, denn Qualität hat seinen Preis. 
Alles in allem ein prachtvolles Monument einer Straße gefangen im endlosen Schrecken der Gentrifizierung.

Ida

Am Kinderdorf

Bevor Gatow zu Gatow wurde, hieß es „Kinderdorf“. Ursprünglich lag es auch nicht an der heutigen Stelle, aber es wuchs im Laufe der Zeit. Das Kinderdorf hieß aber nicht so, weil da viele Kinder lebten, tatsächlich gab es kein einziges, sondern weil alle Menschen, die das Kinderdorf ihr Zuhause nannten, Kinder waren. Man sah es nicht mehr, aber sie fühlten sich noch so jung, als wären sie grade erst geboren worden.

Vorher hatten sie im „Alten Dorf“ gelebt, aber der Name war ihnen allen zu alt und langweilig. Deswegen beschlossen sie umzuziehen. An einen Ort, wo noch niemand wohnte. Und da es Berlin noch nicht gab, suchten sie sich dort einfach ein schönes Plätzchen, das schönste überhaupt, und gründeten ihr „Kinderdorf“. Doch vorher führten sie noch lange Diskussionen über den Namen, denn alle hatten mindestens einen Vorschlag zu machen. Herr Müller wollte das Dorf „Müllerdorf“ nennen, doch das war den anderen zu mainstream. Frau Fleischer schlug „Fleischerdorf“ vor, das wurde aber gleich abgelehnt, zu blutig! Die Diskussion hielt Stunden an und es war kein Ende in Sicht, als Herrfrau Krämer (das 3. Geschlecht ist nämlich keine Erfindung des 21. Jahrhunderts) einen Blick auf die Uhr warf und panisch rief: „So spät schon? Wir verpassen das Sandmännchen!“ Sofort sprangen alle auf und rannten zum Gemeindehaus, um sich gemeinschaftlich vor die Glotze zu hängen. Nach 10 Minuten voller Spannung, Freude und Trauer schalteten sie den Fernseher aus, die meisten noch ganz in der Geschichte gefangen. Schließlich sagte Frau Waldi nachdenklich: „Wir sind echt noch ganz schöne Kinder...“ „Kinder natürlich“, schrie Herrfrau Krämer, „wir sind Kinder, also muss es „Kinderdorf heißen!“ Einen Moment lang waren alle still, dachten über den Vorschlag nach, überlegten, wie das Schild am Ortseingang aussehen würde und probierten gedanklich den Klang des Namen aus. Dann brach Applaus aus, der Vorschlag wurde ohne eine Gegenstimme angenommen.

Die Jahre vergingen und die sowieso schon betagten Herrschaften wurden noch betagter. Schließlich an einem traurigen Dienstag beerdigten sie Herrfrau Krämer und kamen danach im Gemeindehaus zusammen. „Ich weiß nicht“, sagte ein Mann, „wir werden alle alt und wenn am Ende keiner mehr übrig ist, wird das Dorf verfallen.“ Alle nickten bedrückt. „Das müssen wir verhindern!“, beschloss Frau Fleischer. „Was stellst du dir vor?“, wollte Frau Waldi wissen, „Fürs Kinderkriegen ist es ein bisschen spät!“ „Nein, nein“, antwortete der Mann, „so meinte ich das nicht. Es gibt doch genug Kinder, die nie Sandmann gucken können.“ Alle schwiegen und dachten an diese bedauernswerten Geschöpfe. „Wie wärs“, schlug der Mann vor, „wenn wir diesen Kindern im Kinderdorf ein neues Zuhause geben?“ Es herrschte wieder einmal Stille. Alle dachten darüber nach. Schließlich brach wieder Applaus aus und der Vorschlag wurde ohne jede Gegenstimme angenommen. „Aber dann fehlt uns noch ein Name“, bemerkte Herr Müller. „Stimmt“, sagte der Mann, „ich bin dafür das Projekt nach Herrfrau Krämer zu bennen, dadurch ist das Dorf schließlich zu seinem Namen und ich zu dieser Idee gekommen.“ „Nein“, lehnte Frau Waldi ab, „ein Name pro Person! Ich finde, wir sollten das Projekt nach dir benennen.“ Und so wurde es gemacht. Die Zeit verging wieder und die ursprünglichen Kinderdörfler starben, doch es fanden sich immer wieder welche, die ihren Platz einnehmen wollten. Als Berlin und Cölln schließlich viel später gegründet wurde, beschloss irgendjemand, „Kinderdorf“ könne kein Teil dieser Stadt heißen. Also nahm man den nächstliegenden Namen – Gatow – und hinterließ als Erinnerung nur eine Straße und ein Kinderdorf.

Dies erinnert an Herrfrau Krämer, den in der Geschichte immer als „der Mann“ bezeichneten Albert Schweizer und daran, dass es Sandmann schon viel länger gibt, als die meisten wissen.

Franka

Schnipselgedicht

Im Spiel des Wassers regt sich wie Wasserpflanzen bunter Tand.

Menschen gehen nach steinernen Straßen, erzählen vom himmelblauen Wasser und staunen.
Große Kuppeln gleichen Dünen im Sand.

Wie Bojen schwenken die Linden sanft hin und her.

Wie schön ist doch das Großstadtmeer.

Ida

Wie sacht fließt des Wassers Wellenhand,

wie eines Menschen Melodien gleiten. Im Grunde der himmelblauen Straßen, stauen sich Sand, die
Wasserpflanzen, die Bojen und Tand. Gemengt sind Essendämpfe,
schwarze Schlote schwelen, im blauen Bodensatz.

Der Himmel vom Wasser entwirrt,

denn gleichen

Wille ziehen Spiel und grober Verstand,
im Kuppel kommen die Kuppeln nach Pfählen in Kanälen.
Sind Dünen bunter im linden Leben?

Alle beginnen anzuschauen,
erzählen vom steinernen großen, sind steilrecht und voll. Zu Wassers Kanälen ausgehauen, regt sie
zu gehen ganz.

Franka

Besuch bei Oma

Meine Bekannten finden es komisch, dass ich jeden Abend meine Oma besuche. Und mit Abend meine ich Nacht. Manchmal tauche ich erst gegen 3 Uhr auf, aber was soll ich sagen, Oma schläft sowieso nicht mehr viel. Seit dem Tod meines Opas will sie so viel Besuch, wie nur möglich, um die Stille zu füllen. Also tanzen meine Geschwister und ich regelmäßig bei ihr an, wir lieben unsere Oma schließlich.

Heute hatte ich einen wirklich stressigen Tag, erst Uni, dann 5 Stunden Schicht in dem Weidenkorbgeschäft, in dem ich arbeite. Mein Highlight ist das Treffen mit einem Freund, wir wollen ein neues äthiopisches Restaurant ausprobieren und dann feiern gehen.
Um halb zwei stehen wir gerade wieder an der U-Bahn, als mein Freund mich auf eine Frau aufmerksam macht, die mich ansieht. Hübsch, definitiv und normalerweise hätte ich sie zumindest angesprochen, aber jetzt geht das nicht. Meine Oma wartet. Die Bahn kommt.
Im Haus meiner Oma brennt Licht. Natürlich. Trotzdem nehme ich den Schlüssel, den sie mir zum Auszug geschenkt hat, „Falls du es mall nicht aushälst“ und schleiche in den Flur. Oma hört Punk Rock, was so gar nicht zum anderen Rock in ihrem Leben, dem mit den Blümchen, passt. Den trägt sie auch als sie zu mir kommt und mir zur Begrüßung eine Kopfnuss gibt. In-die-Wangen-kneifen ist ihr auch zu langweilig.


„Du hast dich ja ewig nicht mehr blicken lassen!“, stellt sie vorwurfsvoll fest. „Das waren nichtmal 24 Stunden“, entgegne ich. „Sag ich doch, ewig. In meinem Alter sind 24 Stunden quasi ein Leben. Ich hätte in der Zwischenzeit sterben können!“ Sie verschränkt die Arme. „Du stirbst nicht, Oma“, sage ich. Sie zuckt nur mit den Schultern und geht in die Küche. Thema abgehakt. „Hast du gegessen?“, fragt sie im Ton eines Untersuchungsrichters. „Was hast du gegessen? Warum hast du noch nicht gegessen? Weißt du, wie ungesund das ist? Das habe ich mir schon gedacht. Komm ich hab dir Suppe gemacht.“Wir wissen beide, dass ich längst gegessen habe. Ich bin 24 und kann für mich sorgen, aber manchmal muss Oma eben doch normal sein und ihre Suppe ist die Beste!

Franka

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