Autorenpatenschaft

 

Projektdaten:

  • Titel: Autorenpatenschaft
  • Bündnispartner 1: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Brandenburg e.V., Fliederweg 1 e, 15534 Strausberg
  • Bündnispartner 2: Grundschule Schulzendorf, Illgenstraße 26 – 32, 15732 Schulzendorf
  • Bündnispartner 3: Bibliothek Schulzendorf, Illgenstraße 26 – 32, 15732 Schulzendorf
  • Autorenpate: Thilo Reffert - Ich schreibe seit vielen Jahren – und seit einigen Jahren auch für Kinder: Theaterstücke, Hörspiele und Bücher. Üblicherweise komme ich für zwei Stunden an eine Schule, das heißt dann Autorenbegegnung: Ich lese etwas vor, die Kinder fragen etwas nach und weg bin ich wieder. In Schulzendorf ist das anders. Im Rahmen der Bündnisse für Bildung übernehme ich in Schulzendorf eine Autorenpatenschaft. Das heißt, ich komme nicht nur einmal, sondern immer wieder! Und ich lese nicht nur vor, sondern ich arbeite regelmäßig (alle zwei Wochen) mit Kindern aus der vierten und fünften Jahrgangsstufe, besonders mit Kindern, die ihren Zugang zur Literatur noch suchen.
  • Zeitraum: 01.01.2014 - 31.12.2014
  • Ort: Schulzendorf
  • Bundesland: Brandenburg
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 11


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Presse

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 11

 

Projektbeschreibung

Die Grundschule im ländlichen Raum wurde landesweit als Pilotschule für Inklusion ausgewählt. Kindern mit Defiziten in Sozialverhalten und Sprachvermögen sollen Wege zu Bildungsbiographien eröffnet werden, wie sie für Gleichaltrige selbstverständlich sind. Dabei setzt die Ganztagsschule auch auf Angebote und Leistungen kultureller Träger – mit guten Erfahrungen beispielsweise im Bereich Musik.

Eine „Autorenpatenschaft“ kann und soll insbesondere jene Kinder ‚abholen‘ und fördern, die - als eine gewichtige Bildungsbenachteiligung - Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben und damit ihrer Persönlichkeitsentwicklung insgesamt haben. Dem Projekt liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Bildung ein langwieriger Prozess ist, der sowohl steter Impulse von außen als auch ‚innerlicher‘ Motivationen bedarf. An der Seite eines Profis ein ganzes Jahr lang Literatur kennen zu lernen, sich mit Texten auseinanderzusetzen und ansatzweise selber Literatur zu verfassen, schafft eben dies.

Die Bibliothek als unmittelbar erreichbarer bildender und sozialer Raum zugleich unterstützt das Vorhaben. In Wechselwirkung fallen bei der Zielgruppe Hemmschwellen, Potenziale der Einrichtung auch künftighin zu nutzen.

Auf den Ort und seine Bewohner insgesamt strahlt das Projekt aus, indem am Ende im Rathaus eine öffentliche Präsentation von Arbeitsergebnissen erfolgt.

 

Bilder

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 11


Gedanken des Autors

1. Werkstatt, 17. Februar 2014

„Mein erstes Buch. Mein erster Text“ hieß die 1. Werkstatt des Projektes. Ich wollte mit den Kindern ein kleines Buch mit Gedichten herstellen (und das ganze hochtrabend „Lyrikband“ nennen ;-) Anschließend wollte ich mit den Kindern einen ersten Text beginnen. Dieser Text sollte davon handeln, warum der Verfasser nicht zum Verfassen einer verlangten Geschichte gekommen war oder auf welche Weise die bereits fertige Geschichte verloren ging; gewissermaßen ein literarischer Entschuldigungszettel – bis dahin sind wir jedoch nicht gekommen.

All zu viel Zeit ging beim ersten Mal mit der Anmeldung und dem Ausfüllen der Teilnehmerlisten verloren, obwohl Frau Rommel von der Bibliothek und Frau Pittke von der Grundschule, den beiden Bündnispartnern, mich nach Kräften unterstützt haben. All zu viel Zeit beanspruchte auch das Herstellen der Namensschildchen, wobei die Faltung noch nicht sehr anspruchsvoll war.

Mehr Geschick war beim Herstellen der A7-Büchlein gefragt. Hier musste ein A4-Blatt dreimal exakt gefaltet und verschiedene Male die Faltrichtung geändert werden. Als schließlich alle Kinder die Achtel-Faltung hergestellt hatten, musste noch ein Schnitt gesetzt werden – einige Bücher zerfielen dabei in ihre Einzelteile; die Buchherstellung offenbarte sich als vertracktes Geschäft.

Als noch schwieriger erwies sich – wie im wahren Leben – die Aufgabe, die Seiten des Buches zu füllen. Es war eine glückliche Fügung für den angestrebten Lyrik-Band, dass sich in „Nina und Paul“ ein Reim fand, den man praktisch unendlich variieren kann:

Auf einem Sofa, das blau war,
Lag eine Katze, die schlau war.

Wir sammelten also zunächst verschiedene Sofas. Die Sofas waren beispielsweise neu, weiß, kariert oder aus Paris.

Nun würde es nicht schwer sein, die Reime zu komplettieren, hatte ich gedacht. Und tatsächlich fanden wir:

Auf einem Sofa, das neu war,
Lag eine Katze, die treu war.

Oder: Lag eine Katze, die scheu war.

Es stellte sich jedoch heraus, dass nicht alle Kinder das Mittel des Endreims sicher handhaben. Wir haben daher gemeinsam herausgearbeitet, dass zwar große Dichter oder gefährliche Rapper „gepunktet“ auf „betrunken“ reimen dürfen, wir aber nicht, denn wir fangen mit reinen Reimen an, bevor wir groß und gefährlich werden. Dies war der Moment, die Kinder mit einem unverzichtbaren Werkzeug aller deutschen Dichter bekannt zu machen: dem Steputat, einem legendären Reimlexikon der deutschen Sprache, zusammengetragen von Willy Steputat, zuerst 1891.

Und tatsächlich unter den Reimen auf -unken fanden wir u.a. „versunken“. Und siehe, es ward Reim:

Auf einem Sofa, das versunken war,
Lag ein Kater, der betrunken war.

Für einen Reim auf „Paris“, schauten wir unter -ies nach und fanden:

Auf einem Sofa, das aus Paris war,
Lag eine Katze, die hammer-fies war.

Oder: Lag eine Katze, die voller Gries war.

Mit diesen und anderen Reimen ließen sich nun die drei Doppelseiten des Buches füllen. Anschließend gestalteten die Kinder die Titelseite und machten dabei die Erfahrung, dass die Titelei dem Schriftsteller ein wahres Kreuz sein kann, weshalb die meisten Kollegen sehr glücklich sind, wenn der Verlag ihnen diese schwere Aufgabe abnimmt.

Spaßiger war die Gestaltung der Rückseite. Die Kinder lernten dabei das Mittel des Blurbs kennen, jenes ultrakurze und megaprägnante Promi- oder Medien-Zitat, das den schwankenden Interessenten in einen entschiedenen Käufer verwandeln soll:

„Ein Geniestreich“ L. Mut-Schmitt
„Brüllkomisch und knallspannend“ Büld „Lesen!“ Der Spiel

So gingen die meisten Kinder mit einem kompletten Buch nach Hause und nur die begabtesten ließen ihre Schöpfungen im Mülleimer zurück, sicher in der Gewissheit, jederzeit ein neues, ein besseres Buch herstellen zu können. Und dieses Gewissheit ist es ja im Grunde, die den wahren Schriftsteller vor allem anderen auszeichnet.

In diesem Sinne freue ich mich auf die zweite Werkstatt am 3. März! Dann wird die Anmeldung flüssiger laufen und das Umräumen geschickter vonstatten gehen, so dass wir den literarischen Entschuldigungszettel angehen können.

Berauscht und inspiriert schließe ich diesen Bericht –Thilo Reffert, 17.02.2014

PS: Was mir in der Werkstatt nicht eingefallen ist:

Auf einem Sofa, das völlig verschleimt war,
Lag eine Katze, die sauber gereimt war.

2. Werkstatt, 3. März 2014

„Literatur im Radio“ hieß die 2. Werkstatt des Projektes. Auf Wunsch der Kinder hatte ich eine Redakteurin des Kinderradios Kakadu vom Deutschlandradio Kultur eingeladen und Christina Schumann hatte sich dankenswerterweise bereiterklärt zu kommen; später im Jahr wollen wir sie im Sender besuchen.

Das Umformen des Raumes vom Klassenzimmer zur Konferenzrunde ging viel flotter als beim ersten Mal – die Kinder wussten wie‘s geht & ruck-zuck, waren die Tische mit Stühlen umstellt und die Konferenzgetränke verteilt. Auch das Eintragen in die Teilnehmerlisten ging diesmal schneller und effektiver vonstatten, Übung macht eben auch in Bürokratie den Meister.

Dann ging es an die erste Schreibaufgabe. Ich bat die Kinder, eine Entschuldigung zu schreiben, warum sie eine von mir verlangte Geschichte nicht vorweisen konnten. Nachdem ich ein Beispiel gegeben hatte, ging die Fantasie mit den Kindern durch und es war kein Halten mehr im Schummelausreden-Erfinden.

Hier ein beispielhaftes Werk im ersten Entwurf:

Entschuldigung, dass ich die Geschichte nicht habe. Ich habe zwei Stunden daran gesessen und als ich fertig war, kam mein Kater ins Zimmer und fraß die Geschichte auf. Als ich dann ins Zimmer kam, musste mein Kater lauf aufstoßen.

Louis, 10

Nun, ich hoffe, es war ein literarischer Rülps, den der Kater hat hören lassen. Wir werden bei Gelegenheit weiter an diesen Entwürfen arbeiten und sie in Richtung Wahrheit oder Wahnsinn treiben.

Hier ein weiteres beispielhaftes Werk:

Als ich mit meiner Geschichte nach Italien flog, habe ich gelesen. Als ich mein Buch weglegte, war ich in Hollywood. Ein Kamerateam hatte mein Buch verfilmt. Kurz danach kamen sie mit einer goldenen Figur namens Oscar an. Seitdem lebe ich in Hollywood und komme nicht mehr zurück.

Riccardo, 8

Eine wunderbare Idee – nachdem in der vergangenen Nacht die Oscars verliehen worden waren. Eine wunderbare Idee, die es weiterzudenken und auszugestalten gilt. Wir werden in der nächsten Werkstatt an den Entwürfen weiterarbeiten.

Entsprechend dem Wunsch der Kinder aus der ersten Werkstatt wandten wir uns nun dem Hörspiel zu, einer Kunstform, die das Radio vor ca. 90 Jahren hervorgebracht und seitdem weiterentwickelt hat. Zwar ist das Hörspiel eine radiophone Kunst, aber im Radioalltag ist doch die Bindung an die Literatur so eng, dass viele Hörer gar nicht zwischen Hörspiel und Audiobook unterscheiden.

Christina Schumann brachte ein brandneues Hörspiel mit, „Tyrannosaurus Max“ von Peter Jacobi. Jacobi, der zuletzt für sein Hörspiel „Der Rächtschraipkönich“ mit einem Kinderhörspielpreis geehrt wurde, erzählt darin die Geschichte von Max, der seinen kleiner-Bruder-Status dazu nutzt, die Familie und besonders seine Schwester Laura zu tyrannisieren.

Die Kinder hörten dem ca. einstündigen Werk gespannt zu, wie die Bilder zeigen: der nach innen gerichtete Blick ist auf die Bühne im Kopf gerichtet. Das Hörspiel als gleichsam instrumentierte Geschichte entfaltet einen Sog und lässt den Gedanken zugleich große Freiheit. Im anschließenden Gespräch mit Christina Schumann arbeiteten die Kinder am Beispiel des titelgebenden Tyrannosaurus Max heraus, welche Mittel im Hörspiel zur Charakterisierung von Figuren eingesetzt werden: die (tief-verstellte) Stimme an erster Stelle, aber auch begleitende Musik (hier ein Basssaxophon) und begleitende Geräusche (hier das dröhnende dumpfe Stapfen) sowie die Reaktionen anderer Figuren, die in Panik vor dem gewaltigen Tier fliehen.

Dass man für verschiedene Medien verschiedene Erzählweisen benutzen muss, wird uns immer wieder beschäftigen. Man könnte zum Beispiel das Prosawerk des Entschuldigungszettels in eine Hörspiel, ein Theaterstück, ein Gedicht verwandeln; vielleicht packt uns die Lust dazu; ich freue mich auf die Werkstatt am 17. März.

An diesem Tag wird uns die Illustratorin Anke am Berg besuchen, wir werden die Lieblingsbücher der Kinder nach Illustrationen durchforsten und selbst etwas illustrieren – vielleicht einen Entschuldigungszettel.

Die Kinder freuen sich außerdem auf den Besuch in einer modernen Buchbinderei im April. Sogar ich als Autor, dessen Kinderbücher Fadenheftung haben, werde zum ersten Mal erleben, wie das gemacht wird.

Doch zunächst: Auf ein Drittes!

Thilo Reffert, 3. März 2014

PS: Heute war Fasching. Dass wir trotzdem gearbeitet haben, grenzt an ein Wunder – und verdankt sich dem Engagement von Frau Pittke und Frau Rommel, den Kolleginnen der Bündnispartnern vor Ort in Schulzendorf.

Werkstatt 3 – Schreiben heißt Umschreiben

In der dritten Werkstatt stand die Aufgabe, eine Entschuldigung zu verfassen dafür, dass man eine von mir verlangte Geschichte nicht mitgebracht bzw. gar nicht erst geschrieben hatte.

Einige Entschuldigungen waren auf Anhieb glaubwürdig, bei anderen haben wir gemeinsam an der Überzeugungskraft – manchmal auch: Überrumpelungskraft – gearbeitet.

Die ersten Fassungen und Kommentare wurden vorgelesen, gemeinsam besprachen wir, was den Text besser machen könnte. Die Kinder sollten einen ersten Eindruck davon bekommen, dass Schreiben immer Umschreiben heißt. Denn keine Geschichte, kein Buch, kein Theaterstück (und kaum ein Gedicht) lesen die Kinder in seiner ersten Fassung. Immer haben die Autoren am Text gearbeitet.

Hier eine Auswahl der Entschuldigungs-Geschichten:

Es tut mir so leid, Thilo

Als ich die Geschichte fertig geschrieben hatte, wollte ich mit einem Boot unbedingt raus auf die Ostsee. Dann kam ein Seemonster und hat das Boot versenkt. Weil mir die Geschichte aber so wichtig war, habe ich sie gerettet. Dann habe ich mich (und meine Geschichte) mit einem Brett auf eine Insel gerettet, die ich nicht kannte. Ich wollte nur noch nach Hause und brauchte Geld. Ich hatte nur noch mich und meine Geschichte. Da habe ich sie für 50 Euro verkauft.

Luca W. (9)

***

Als ich mit meiner Geschichte nach Italien flog, habe ich gelesen. Als ich mein Buch weglegte, war ich in Hollywood. Ein Kamerateam hatte mein Buch verfilmt. Kurz danach kamen sie mit einer goldenen Figur namens Oscar an. Seitdem lebe ich in Hollywood und komme nicht mehr zurück.

Riccardo R. (8)

***

Entschuldigung

Lieber Thilo,
ich habe die Geschichte geschrieben, aber sie handelte von Zoo-Tieren und deswegen bin ich in den Zoo gegangen, und dann bin ich bei den Elefanten stehen geblieben, weil dort ein Elefantenbaby war, und die Mutter hat mir die Geschichte aus der Hand gerissen und gefressen. Deswegen kann ich dir die Geschichte nicht geben.

Chantal N. (11)

Liebe Chantal,
vielen Dank für deine Entschuldigung. Es würde mir noch leichter fallen, dir zu glauben, wenn du mir verrätst, was genau du im Zoo wolltest. War es reiner Zufall, dass du zum Elefantengehege kamst? Überlege, wofür sind Elefanten bekannt? Wie kannst du das einbauen? Ergänze deine Entschuldigung um ein oder zwei Sätze.

Schöne Grüße und auf bald – Thilo

Entschuldigung

Lieber Thilo,
ich habe die Geschichte geschrieben, aber sie handelte von Elefanten und deswegen bin ich in den Zoo gegangen, und bei den Elefanten stehen geblieben, weil dort ein Elefantenbaby war. Ihm wollte ich die Geschichte vorlesen, aber die Mutter hat mir die Geschichte aus der Hand gerissen. Deswegen kann ich dir die Geschichte nun nicht geben. Aber wenn du das nächste Mal in den Zoo gehst, kannst du zu den Elefanten gehen. Die Mutter hat die Geschichte bestimmt behalten und erzählt sie dir nach.

Chantal

Liebe Chantal,
vorzüglich. Viele Schriftsteller träumen davon, dass ihnen ihre Geschichten aus der Hand gerissen werden.
Du bist hiermit offiziell entschuldigt!

Schöne Grüße – Thilo

***

Lieber Thilo,
ich habe eine Geschichte geschrieben. Am nächsten Tag wollte ich meiner Mutter einen Streich spielen und faltete meine Geschichte so klein, dass sie die Größe einer Kontokarte hatte. Meine Mutter ging zur Sparkasse und steckte meine Geschichte …

Nico W. (10)

Lieber Nico,
vielen Dank für deine Entschuldigung. Ich möchte dir gerne glauben. Leider hast du aufgehört zu schreiben, gerade als es spannend wurde. Schildere mir doch, was passierte, als deine Mutter deine Geschichte in den Geldautomat schob: Kam alles Geld auf einmal heraus, wie bei einem Geldspielautomaten? Oder kam die Polizei? Oder bemerkte deine Mutter den Irrtum? Schenk mir noch einen Satz oder zwei, damit ich dir wirklich glauben kann.

Schöne Grüße und auf bald – Thilo

Lieber Thilo,
ich habe eine Geschichte geschrieben. Am nächsten Tag wollte ich meiner Mutter einen Streich spielen und faltete meine Geschichte so klein, dass sie die Größe einer Kontokarte hatte. Meine Mutter ging zur Sparkasse und steckte meine Geschichte in den Geldautomat. Da kam sofort eine Million Euro. Und ich, der daneben stand, rannte hin und schnappte mir die Million. Meine Mutter rannte mir hinterher. Meine Geschichte haben wir im Automaten stecken lassen. Dann haben wir einen Luxusurlaub gemacht und haben die Geschichte vergessen.

Nico W. (10)

Lieber Nico,
das ist mir auch schon passiert – Geld nehmen, Karte vergessen. Und wenn es um eine Million geht … dann bist du entschuldigt.

Schöne Grüße – Thilo

PS: Ich habe mal recherchiert: eine Million Euro in automatenüblichen 50-Euro-Scheinen, das wäre ein Stapel von 2 Meter Höhe und fast 20 kg Gewicht. Sportliche Leistung!

***

Lieber Thilo,
leider konnte ich die Geschichte nicht einreichen, denn ich bin die Straße entlang gegangen und habe die Geschichte laut vorgelesen. Ein Obdachloser hörte mir zu, als ich fertig war, sagte er: „Deine Geschichte hat mir klar gemacht, wie dumm ich war. Ich werde mein Leben überdenken.“ Das habe ich nicht verstanden, denn die Geschichte handelte von einem Besuch auf der Toilette. Das bemerkte ein Mann. Als er zu mir kam, sah ich, dass er sehr teure Sachen anhatte. Er sagte zu mir: „Ich bin Millionär aus dem Süden. Ihre Geschichte kann viele Menschenleben verändern, ich möchte sie für 35 Millionen Euro kaufen.“ Das fand ich natürlich gut, also verkaufte ich sie. Am nächsten Tag lief im Fernsehen eine Reportage über meine Geschichte, die immer wieder wiederholt wird. Also müssen Sie nur auf RTL schalten und dann können Sie meine Geschichte jederzeit sehen. Ich hoffe, sie gefällt Ihnen.

Ihre Emely K. (10)

Liebe Emily,
du hast eine überzeugende Entschuldigung verfasst. Ich beglückwünsche dich zu deinem Einfalls-Reichtum! Du machst mich sehr gespannt auf die Geschichte, es könnte direkt sein, dass ich tatsächlich mal RTL einschalte! Aber mit einem Satz nimmst du die ganze Spannung aus der Geschichte. Überlege, welcher Satz das ist.

Schöne Grüße und auf bald – Thilo

Lieber Thilo,
leider konnte ich die Geschichte nicht einreichen, denn ich habe die Geschichte auf der Straße laut vorgelesen. Ein Obdachloser hörte mir zu, als ich fertig war, sagte er: „Deine Geschichte hat mir klar gemacht, wie dumm ich war. Ich werde mein Leben überdenken.“
Das bemerkte ein Mann. Als er zu mir kam, sah ich, dass er sehr teure Sachen anhatte. Er sagte zu mir: „Ich bin Millionär aus dem Süden. Ihre Geschichte kann viele Menschenleben verändern, ich möchte sie für 35 Millionen Euro kaufen.“ Das fand ich natürlich gut, also verkaufte ich sie.
Am nächsten Tag lief im Fernsehen eine Reportage über meine Geschichte, die immer wieder wiederholt wird. Also müssen Sie nur auf RTL schalten und dann können Sie meine Geschichte jederzeit sehen. Ich hoffe, sie gefällt Ihnen.

Ihre Emely K. (10)

Liebe Emily,
genau so! Gut gemacht.

Schöne Grüße – Thilo

***

Lieber Thilo,
ich wollte die Geschichte schreiben, doch mein Füller war kaputt. Ich wollte ihn reparieren lassen, doch anstatt Füllerreparatur hatte der Taxifahrer Füllerabmontur verstanden. Zugleich hat er sich verfahren. Ich landete bei einem Riesen-Restaurant. Die Kinder hier waren zehn Meter groß, von den Eltern fang ich gar nicht erst an. Eines der Kinder hieß Leni und hielt mich für eine Barbie. Sie zeigte mich den anderen. Die holten auch ihre Barbies. Ich merkte, dass es meine Freundinnen waren. Ich unterhielt mich mit Lina und sie gab mir ihren Riesen-Füller. Da tutete die Hupe vom Taxi und er nahm den Riesen-Füller und schnallte ihn aufs Dach. Aber das Taxi sank ein und es war kaputt. Wir kamen mit dem ADAC nach Hause, deswegen konnte ich die Geschichte nicht weiterschreiben.

Lotti D. (10)

Liebe Lotti,
ich danke dir für deine Entschuldigung. Von Riesen-Restaurants habe ich auch schon gehört, aber dass dort Riesen hingehen, war für mich neu. Was ich nicht verstanden habe: Warum schenkt dir Leni ihren Riesen-Füller? Leni muss doch sehen, dass du einen viel kleineren Füller brauchst. Und überhaupt: Warum kannst du nicht mit einem anderen Schreibgerät schreiben? Ja, eben! Womit hast du diese Entschuldigung geschrieben? Das würde ich gern erfahren.

Schöne Grüße und auf bald – Thilo

Lieber Thilo,
Leni hatte zwar eine Brille auf, doch sie konnte nicht gut sehen.
Leo, mein Bruder, hat alle anderen Stift mit in sein Zimmer genommen und macht seitdem nicht auf.

Liebe Lotti,
jetzt habe ich – auf dem Papier – den Stift erkannt, mit dem du mir diese Zeilen geschrieben hast – es ist einer jener Schreibwerkstatt-Super-Inspirations-Stifte, die ich jedes mal mitbringe. Du bist natürlich entschuldigt.

Schöne Grüße – Thilo

***

Lieber Thilo,
an dem Tag, an dem ich meine Geschichte geschrieben hatte, war es zu Hause ganz schön laut. Die Nachbarn links von uns hatten ein Problem mit dem Wasserschlauch, er war außer Kontrolle geraten und es wurden alle nass. Die Nachbarn rechts von uns waren nicht besser dran, denn es war heiß und die Klimaanlage war ausgefallen. Aber ich habe trotzdem weitergeschrieben und ich konnte es selbst nicht glauben, diese Geschichte war sehr lang. Ich fand meine Geschichte so gut, dass ich sie zu einem Geschichtenschreiber bringen wollte, aber der lebte in China. Also habe ich mir Geld von meinen Eltern geborgt und ein Flugticket gekauft. Aber am nächsten Tag auf dem Flughafen habe ich versehentlich den Flieger nach Hollywood genommen. Als ich angekommen war, ging ich zu einem Regisseur und der meinte, die Geschichte ist so gut geworden, dass er sie verfilmt. Ich gab ihm meine Geschichte. Nach einigen Wochen rief er an und sagte, der Film sei fertig und sie hätten einen Preis gewonnen. Ich lief so schnell wie nie, der Mann kam mir entgegen und sagte: „Hier kommt dein Oskar!“ Aber ich dachte, ich spinne, denn der Mann brachte mir einen Hund namens Oskar. Am nächsten Tag war ich zu Hause und muss dir leider sagen, dass ich die Geschichte nicht dabei hatte.

Deine Pia

Liebe Pia,
danke für deinen Entschuldigung. Sie ist ebenso realistisch und glaubhaft wie die meisten Filme aus Hollywood. Überlege nur, ob es wirklich ein Versehen sein muss, dass du nach Hollywood gerätst. Vielleicht brauchst du den chinesischen Geschichtenerzähler gar nicht, um mich zu überzeugen. Was du allerdings dazu brauchst, ist ein guter letzter Satz. Vielleicht bietest du mir – statt der Geschichte den Hund an.

Schöne Grüße und auf bald – Thilo

Lieber Thilo,
ich fand meine Geschichte so gut, dass ich mir Geld von meinen Eltern geborgt habe für ein Flugticket. Aber am nächsten Tag auf dem Flughafen habe ich den Flieger nach Hollywood genommen. Als ich angekommen war, ging ich zu einem Regisseur und der meinte, die Geschichte ist so gut geworden, dass er sie verfilmt. Ich gab ihm meine Geschichte. Nach einigen Wochen rief er an und sagte, der Film sei fertig und sie hätten einen Preis gewonnen. Ich lief so schnell wie nie, der Mann kam mir entgegen und sagte: „Hier kommt dein Oskar!“ Aber ich dachte, ich spinne, denn der Mann brachte mir einen Hund namens Oskar. Am nächsten Tag flog ich sofort nach Hause. Es war Montag und ich hatte keine Zeit, meine Geschichte neu zu schreiben. Und deshalb bringe ich dir meinen angeblichen Preis mit, meinen Oskar. Ich hoffe, dass er dir weiterhilft.

Deine Pia

Was? Hund? Angst! Alles entschuldigt! Behalte nur deinen Oskar! Thilo (auf der Flucht)

 

Bilder

 

Gedanken des Autoren

4. Werkstatt, 31. März 2014

Die vierte Werkstatt war
Eine einzige Schufterei. Wir haben
Tief im Wort-
Schatz gegraben,
Gewühlt und gebuddelt.
Haben Verse geschmiedet,
Geschliffen und poliert.
Haben geschrieben und gelacht,
Korrigiert und verbessert.
Literarischer Schweiß floss
Von Kinderstirnen in Strömen – selbst dieser
Bericht gerät lyrisch!

In Prosa ausgedrückt: Drei Gedichte von großen Dichtern dienten uns als Vorlage, um eigene Variationen zu (er)finden und dabei – wie nebenher – etwas über Lyrik zu lernen.

Günter Kunerts Gedicht „Auf der Schwelle des Hauses“ war für die Kinder leicht zu bearbeiten. Die konkrete Ausgangssituation im ersten Vers (In den Dünen sitzen) ließ sich einfach variieren (Im Karussell sitzen), dann hieß es nur noch, die Sinne zu schärfen, und schon schrieben sich die Variationen wie von selbst.

Schwerer fiel es den Kindern, die Besonderheit von Ernst Jandls „ottos mops“ zu erfassen. Erst der Umweg über das Kinderlied von den Drei Chinesen mit ‘nem Kontrabass (in seiner zeitgemäßen Form: Drei Chinesen mit ‘nem Monstertruck) führte die Kinder auf die Spur der Vokale. Ich hatte einen Vokal-Spickzettel vorbereitet, mit dessen Hilfe die Kinder sich an a-, u-, i- oder e-Varianten des Jandlschen Vokal-Gedichtes wagen konnten.

Das dritte Gedicht, „Sägen sägen“ von Paul Maar haben wieder alle bearbeitet. Jedes Kind brachte von den Erkundungsreisen in seinen Sprachschatz eigene Perlen mit. (Ich kann noch immer nicht aufhören, lyrisch zu formulieren.) Spontan erinnere ich mich an: Mit Hämmern kann man hämmern oder Auf Wagen kann man sich wagen oder Mit Trompeten kann man trompeten. Mein Lieblingsvers lautet aber: Mit Bohlen kann man bowlen. (Leider wurde er anonym abgegeben.)

Das Vorlesen der Gedichte führte zu teils großer Heiterkeit. Einige Variationen (natürlich jene, die die größte Heiterkeit verursachten) kann ich hier nicht wiedergeben. Als Anwalt der Literatur muss ich sie natürlich gelten und stehen lassen, aber als Anwalt kindlicher Leser dieser Zeilen muss ich sie verschweigen. Man stelle sich nur vor, wo man überall sitzen kann … in der Patsche, natürlich, aber man kann es auch drastischer ausdrücken!

Einige Gedicht-Variationen der Kinder sind auf der Internetseite www.boedecker-buendnisse.de zu finden. Abschließend noch meine brandaktuelle Version des Kuvert-Gedichtes:

Am Schreibtisch sitzen. Nichts sehen
Als Arbeit. Nichts fühlen als
Rücken. Nichts hören
Als Tinnitus. Zwischen zwei
Werkstätten glauben: Es
Lohnt sich.

Es lohnt sich wirklich! Auf bald!

Thilo Reffert, 31. März 2014

PS: Am 14. April fahren wir in die Buchbinderei Stein & Lehmann in Berlin-Adlershof.

Werkstatt 4 – Sprachspiele

In der vierten Werkstatt haben die Kinder Variationen auf Gedichte von Günter Kunert, Ernst Jandl und Paul Maar geschrieben. Hier eine Auswahl:

Günter Kuvert

Auf der Schwelle des Hauses

In den Dünen sitzen. Nichts sehen
Als Sonne. Nichts fühlen als
Wärme. Nichts hören
Als Brandung. Zwischen zwei
Herzschlägen glauben: Nun
Ist Frieden.

Variationen:

Auf der Wiese sitzen. Nichts sehen
Als Gras. Nichts fühlen als
Luft. Nichts hören
Als Vögel. Zwischen zwei
Blumen glauben: Der
Sommer ist da.

Paula E., 10

Im Urlaub sitzen. Nichts sehen
Als Schnee. Nichts fühlen als
Kälte. Nichts hören
Als Regen. Unter zwei
Jacken sich fragen: Wann
Fahren wir bloß nach Hause?

Alina B., 11

Im Kindergarten sitzen. Nichts sehen
Als Kinder. Nichts fühlen als
Kopfschmerz. Nicht hören
Als Geschrei. Zwischen zwei
Und drei glauben: Mittagsschlaf
Ist die schönste Zeit.

Laura L., 11

In meinem Zimmer sitzen. Nichts sehen
Als Spielzeug. Nichts fühlen als
Freude. Nichts hören
Als meine kleine Schwester an der Tür.
Zwischen zwei Türschlägen flehen:
Hoffentlich hält das Schloss.

Nico W., 10

Auf dem Karussell sitzen. Nichts sehen
Als verschwommene Gesichter. Nichts fühlen als
Übelkeit. Nichts hören
Als Geschrei kleiner Kinder. Zwischen zwei
Umdrehungen glauben: Gleich
Kommt alles aus mir raus.

Pia v.A., 10

Am Strand sitzen. Nichts sehen
Als Wellen. Nichts fühlen als
Sonne. Nichts hören
Als Möwen. Zwischen zwei
Muskelprotzen glauben: Das
Ende ist nah.

Riccardo R., 8

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