Kindheit(en) – heute und damals

 

Projektdaten:

  • Titel: Kindheit(en) – heute und damals
  • Bündnispartner 1: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Brandenburg e.V., Fliederweg 1 e, 15534 Strausberg
  • Bündnispartner 2: Kind & Kegel e.V., Bahnhofstraße 69, 15732 Eichwalde
  • Bündnispartner 3: Humboldt-Grundschule, Stubenrauchstraße 73 – 76, 15732 Eichwalde
  • Autorenpate: Thilo Reffert - Ich schreibe seit vielen Jahren – und seit einigen Jahren auch für Kinder: Theaterstücke, Hörspiele und Bücher. Üblicherweise komme ich für zwei Stunden an eine Schule, das heißt dann Autorenbegegnung: Ich lese etwas vor, die Kinder fragen etwas nach und weg bin ich wieder. In Schulzendorf ist das anders. Im Rahmen der Bündnisse für Bildung übernehme ich in Schulzendorf eine Autorenpatenschaft. Das heißt, ich komme nicht nur einmal, sondern immer wieder! Und ich lese nicht nur vor, sondern ich arbeite regelmäßig (alle zwei Wochen) mit Kindern aus der vierten und fünften Jahrgangsstufe, besonders mit Kindern, die ihren Zugang zur Literatur noch suchen.
  • Zeitraum: 01.01.2015 - 31.12.2015
  • Ort: Eichwalde
  • Bundesland: Brandenburg
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 18


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 18

 

Projektbeschreibung

Das Projekt kann an gesammelte Erfahrungen eines Bündnisses aus dem Vorjahr im Nachbarort Schulzendorf anknüpfen. Mit einer zweiten ‚Auflage‘ soll es einer weiteren Gruppe von Kindern, denen es teilweise an Lesemotivation und -fähigkeiten,  Ausdrucks- und Schreibvermögen fehlt, Wege zum Ausgleich solcher Defizite eröffnen.

Die institutionellen Partner und der erfahrene Autorenpate setzen (erneut) auf kulturelle Bildungsangebote, bei denen die Kunstsparte Literatur in ihren verschiedenen Genres sowie, nicht zuletzt, ihren Entstehungsbedingungen und Vermittlungsformen ‚abgeklopft‘ wird.  Die Kinder lernen zu rezipieren, vor allem aber auch sich selbst auszuprobieren.

Damit die Kinder ihre eigenen Lebenswelten und Befindlichkeiten wiederfinden und spiegeln können – und zwar im Zusammenhang mit denen ihrer erwachsenen Bezugspersonen – ist zentrales Thema dieser „Autorenpatenschaft“ nebst der geplanten Publikation: Kindheit(en) – heute und damals.

Um die gemeinsame Arbeit noch effektiver und wirksamer zu gestalten als beim ersten Mal, werden nunmehr die Eltern stärker einbezogen und Einzeltermine mit Wochenendtreffen kombiniert.

 

Bilder

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 18


Gedanken des Autors

Schreibwerkstatt 1 – Bewegliche Buchstaben

02. März 2015, Alte Feuerwache Eichwalde

Vierzehn Kinder aus Eichwalde nahmen an dieser ersten Schreibwerkstatt der Autorenpatenschaft 2015 teil, drei waren krankheitsweise verhindert. Barbara Winter und Maren Keutel vom Verein Kind & Kegel hatten die Werkstatt in der Alte Feuerwachen in Eichwalde aufs Beste vorbereitet – mit großem Stuhlkreis in der unteren Etage und sechs Sechser-Tischen zum Arbeiten in der oberen, sowie mit – Überraschung! – Namensansteckern für die Kinder. So hatte ich schon am Ende der ersten Werkstatt alle Namen parat – außer einem, den ich hiermit grüße und ihm eine Wiedergutmachung verspreche für den Fall, das er mich auf diese Textstelle anspricht.

Ich bin sehr froh darüber, dass wir uns in diesem Jahr in einem Nicht-Schulraum treffen können, denn „Literatur lesen und schreiben mit Profis“ soll ja gerade nicht die Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln sein. Dieser Absetzung von Schule dienen auch die Wochenendtermine, an denen wir uns ganz überwiegend treffen werden.

Da wir uns zum allerersten Mal trafen, wollte ich von den Kindern zunächst erfahren, was sie sich von der einjährigen Teilnahme an der Autorenpatenschaft erhoffen und habe sie darum gebeten, drei Wünsche zu notieren. Dass schöne Gedichte und Geschichten entstehen, wurde oft gewünscht, aber auch dass wir zusammenhalten, immer genug zu naschen haben und gestaltete Pausen erleben, war den Kindern wichtig. Häufiger war auch der Wunsch nach einer Auswertungsrunde am Ende jeder Werkstatt. Und so kann ich jetzt schon sagen, auch wenn es märchenhaft klingt: Das Jahr der Eichwalder Autorenpatenschaft wird man später zu den Zeiten zählen, als das Wünschen noch geholfen hat!

Nach der Vorstellung und Einstimmung wechselten wir in die obere Etage und ich stellte den Kindern die heutigen Schreibanlässe vor, es waren Gedichte von Josephine Hirsch, Cornelia Funke, Erich Fried, F.W. Bernstein, Georg Bydlinski und Paul Maar, die die Kinder variieren konnten. Es erfüllt mich mit Dankbar- und Heiterkeit, dass die vorgenannten Geistesriesen und Poesietitanen neben ihrer Hauptarbeit auch Werke schufen über zwei Grafen beim Schlafen und drei Fürsten beim Bürsten. Denn es dauerte gar nicht lange, da sahen wir drei Bienen beim Grienen und fünf Hasen beim Grasen!

Neu für mich und spannend zu erleben waren die Partnerarbeiten, die zwei oder sogar drei Kinder gemeinsam ins Werk setzten und für die sich zumal Paul Maars Alphabet-Gedicht „Wie es in der Klasse zugeht, wenn der Lehrer mal kurz raus muss“ eignete. Ganz von allein, selbstverständlich und gleichberechtigt gingen die Kinder die Arbeit an – ein denkbar großer Gegensatz zur elfenbeinernen Einsamkeit, in der Geistesriesen und Poesietitanen zu schaffen pflegen.

In der letzten Phase wurden wir dann noch händisch – ein Aspekt, dem ich in diesem Jahr mehr Aufmerksamkeit schenken will, dass die Kinder im Wortsinn etwas zu tun haben – außer Dichten und Schreiben. Zu diesem Zweck hatten wir (Barbara Winter, Maren Keutel und ich) verschiedene Druck- und Buchstabentechniken vorbereitet, Stempelsets, Buchstabenpuzzle und Styrene-Druck, einer Variante des Linolschnitts. Dabei entstanden u.a. die Illustrationen zu den fünf Hasen beim Grasen und den drei Bienen beim Grienen, die denen F.W. Bernsteins in nichts nachstehen. Beim Stempeln mit Buchstaben machten die Kinder ihre Erfahrungen mit beweglichen Lettern, von denen sie in der Schule immer als Gutenbergs Erfindung hören. Sie stellten auch fest, dass die Lettern gelegentlich beweglicher sein können, als einem lieb ist, und dass ein sauberes Druckbild Geduld und Geschick erfordert. Diese Erfahrung formulierten einige Kinder in der abschließenden Gesprächsrunde sogar selbst.

In der nächsten Werkstatt werden wir das Texten und Drucken fortsetzen. Noch haben die Kinder erst ein oder zwei Schreibanlässe bearbeitet. Aber wenn Georg Bydlinski einen Brillenbügel feststellen lässt, er reime sich auf Nasenflügel, da kann man doch nur den Steputat zur Hand nehmen, alle Reime auf -egel und -ind (= Reim auf -int) nachschlagen und dichten, was als Resümee der ersten Werkstatt stehen könnte:

Ich reime mich auf Kind & Kegel,

Ruft ein frischer Wind im Segel.

Schreibwerkstatt 2 – Bewegliche Lettern

16. März 2015, Alte Feuerwache Eichwalde

Erst die Schule, so heißt es, mache Pausen schön. Was wäre eine Pause ohne die umgebenden Schulstunden? Ein paar Minuten im Ozean der Zeit. Und so war tatsächlich die Pause der Dreh- und Angelpunkt der zweiten Werkstatt. Sie war es erstens, weil die Kinder sich beim letzten Feedback eine solche Pause an der frischen Luft gewünscht hatten. Sie war es zweitens, weil das Wetter mitspielte und eine nachmittägliche Märzsonne schräg auf das Treiben der Kinder schien. Und schließlich war sie drittens, indem die 15 Kinder aus verschiedenen Klassen alle miteinander spielten, niemand war ausgeschlossen, alle waren dabei. Und die Fußgänger wechselten willig die Straßenseite, milde lächelnd über soviel Kinderfrohsinn.

Was also Gesundheitsförderung, Launesteigerung und Teambuilding angeht, war diese Pause so weit vorn, dass man sagen könnte: Erst Pausen machen Schreibwerkstätten schön. Ein Satz, der womöglich in den Wochenendwerkstätten noch eine Rolle spielen wird …

Die Arbeit in der Schreibwerkstatt selbst war – wie der Titel schon andeutet – eine Fortsetzung der ersten. Nun hatte jedes Kind Gelegenheit, den Styrene-Druck zu erproben und mit beweglichen Buchstaben in Puzzle- oder Stempelform zu arbeiten. Als sehr anregend dafür erwiesen sich Spielereien mit Anagrammen, also buchstabengleichen Wörtern. Dann gilt PIRAT = TAPIR. Und wer LEHRT KOCHEN? Das ROTKEHLCHEN. Es war teils erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit die Kinder die Anagramme fanden. Leo zum Beispiele brauchte nur einen kurzen Blick und einen winzigen Tipp, um herauszufinden, wer da PINK IN EISGRAU durch die Antarktis schwankt.

Eine interessante Diskussion hatten wir auch über einen Text aus der letzten Werkstatt. Paul Maars ABC-Geschichte „Was passiert, wenn der Lehrer die Klasse verlässt“ ist im Grunde ein ABC-Akrostichon. Die sechsundzwanzig Wörter der Geschichte fangen mit den Buchstaben und in der Reihenfolge des Alphabets an. Eine Variation könnte also beginnen mit Albert Behandelt Chantals Dicken Ellenbogen Fehlerhaft. Die Kinder hatten nun in einer Variation Dieter ergert Frank geschrieben. Ok. Dies war der Moment daran zu erinnern, dass zwar der Reim eine klangliche Angelegenheit ist, nicht aber die Rechtschreibung. Wir suchten also ein anderes Verb mit „e“, das Dieter und Frank verbinden könnte. Der erste – und immer wieder – vorgetragene Einfall war erwürgt. Wir haben uns schließlich auf erwischt geeinigt und so wird der Text später in der Publikation stehen. Erwischt ist gut, vor allem, weil nicht geklärt wird, wobei Dieter Frank erwischt, oder ob es sich um eine Momentaufnahme vom Einkriegezeck handelt, in der Dieter Frank endlich erwischt. Aber war es richtig, den erwürgt-Einfall abzuwürgen? War das schon Zensur oder noch altersgerechte Lenkung? Literarisch gesehen darf Dieter Frank erwürgen. Er dürfte ihn sogar enthaupten oder exhumieren. Aber kinderliterarisch? Ich habe einfach behauptet, wir müssten ohne Tote auskommen. Eine Regel, die freilich, wie jegliche Regel beim Schreiben, nicht existiert. Aber ist das auch beim Schreiben für Kinder so? Nun, dies sind offenbar Fragen eines schreibwerkstättenleitenden Autors – mit denen man ein Proseminar füllen könnte.

Da war es wohltuend, in der abschließenden Auswertungsrunde zu erfahren, dass für die Kinder vor allem eins wichtig ist vor den kommenden Wochenendwerkstätten: dass immer genug zu naschen da ist. Ich versprach es leichten Herzens.

Erst die Schule, so heißt es, mache Pausen schön. Was wäre eine Pause ohne die umgebenden Schulstunden? Ein paar Minuten im Ozean der Zeit. Und so war tatsächlich die Pause der Dreh- und Angelpunkt der zweiten Werkstatt. Sie war es erstens, weil die Kinder sich beim letzten Feedback eine solche Pause an der frischen Luft gewünscht hatten. Sie war es zweitens, weil das Wetter mitspielte und eine nachmittägliche Märzsonne schräg auf das Treiben der Kinder schien. Und schließlich war sie drittens, indem die 15 Kinder aus verschiedenen Klassen alle miteinander spielten, niemand war ausgeschlossen, alle waren dabei. Und die Fußgänger wechselten willig die Straßenseite, milde lächelnd über soviel Kinderfrohsinn.

Was also Gesundheitsförderung, Launesteigerung und Teambuilding angeht, war diese Pause so weit vorn, dass man sagen könnte: Erst Pausen machen Schreibwerkstätten schön. Ein Satz, der womöglich in den Wochenendwerkstätten noch eine Rolle spielen wird …

Die Arbeit in der Schreibwerkstatt selbst war – wie der Titel schon andeutet – eine Fortsetzung der ersten. Nun hatte jedes Kind Gelegenheit, den Styrene-Druck zu erproben und mit beweglichen Buchstaben in Puzzle- oder Stempelform zu arbeiten. Als sehr anregend dafür erwiesen sich Spielereien mit Anagrammen, also buchstabengleichen Wörtern. Dann gilt PIRAT = TAPIR. Und wer LEHRT KOCHEN? Das ROTKEHLCHEN. Es war teils erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit die Kinder die Anagramme fanden. Leo zum Beispiele brauchte nur einen kurzen Blick und einen winzigen Tipp, um herauszufinden, wer da PINK IN EISGRAU durch die Antarktis schwankt.

Eine interessante Diskussion hatten wir auch über einen Text aus der letzten Werkstatt. Paul Maars ABC-Geschichte „Was passiert, wenn der Lehrer die Klasse verlässt“ ist im Grunde ein ABC-Akrostichon. Die sechsundzwanzig Wörter der Geschichte fangen mit den Buchstaben und in der Reihenfolge des Alphabets an. Eine Variation könnte also beginnen mit Albert Behandelt Chantals Dicken Ellenbogen Fehlerhaft. Die Kinder hatten nun in einer Variation Dieter ergert Frank geschrieben. Ok. Dies war der Moment daran zu erinnern, dass zwar der Reim eine klangliche Angelegenheit ist, nicht aber die Rechtschreibung. Wir suchten also ein anderes Verb mit „e“, das Dieter und Frank verbinden könnte. Der erste – und immer wieder – vorgetragene Einfall war erwürgt. Wir haben uns schließlich auf erwischt geeinigt und so wird der Text später in der Publikation stehen. Erwischt ist gut, vor allem, weil nicht geklärt wird, wobei Dieter Frank erwischt, oder ob es sich um eine Momentaufnahme vom Einkriegezeck handelt, in der Dieter Frank endlich erwischt. Aber war es richtig, den erwürgt-Einfall abzuwürgen? War das schon Zensur oder noch altersgerechte Lenkung? Literarisch gesehen darf Dieter Frank erwürgen. Er dürfte ihn sogar enthaupten oder exhumieren. Aber kinderliterarisch? Ich habe einfach behauptet, wir müssten ohne Tote auskommen. Eine Regel, die freilich, wie jegliche Regel beim Schreiben, nicht existiert. Aber ist das auch beim Schreiben für Kinder so? Nun, dies sind offenbar Fragen eines schreibwerkstättenleitenden Autors – mit denen man ein Proseminar füllen könnte.

Da war es wohltuend, in der abschließenden Auswertungsrunde zu erfahren, dass für die Kinder vor allem eins wichtig ist vor den kommenden Wochenendwerkstätten: dass immer genug zu naschen da ist. Ich versprach es leichten Herzens.

Schreibwerkstatt 3 und 4 – Eine kurze Geschichte vom langen Leben

21. und 22. März 2015, Villa Mosaik Eichwalde

Dies war die erste von fünf Wochenenddoppelwerkstätten, so werden wir künftig immer arbeiten, bis auf die letzten Werkstätten im Herbst, in denen wir die Publikation und die Abschlussveranstaltung vorbereiten.

Wochenendwerkstatt, das gab mir ein Gefühl irgendwo zwischen Subbotnik und Ferienlager. Die Kinder waren entspannt und frisch und freuten sich auf die Schreibanregungen fast genauso wie auf den Spielplatz hinterm Haus. Fast so verlockend wie Kuchen und Saft waren Stift und Zettel, fast.

Wir begannen mit einem Schreibspiel, in dem wir lange Worte zusammentragen wollten. Jedes Kind hatte dazu eine Brotdose mit einem Zettel und notierte ein Ding-Wort, Haus zum Beispiel. Dann wurden die Zettel verpackt und die Dosen getauscht, das nächste Kind setzte das Wort fort: Hausboot zum Beispiel. Ich hatte freilich die Dicht- und Denkbereitschaft am frühen Samstagnachmittag überschätzt, denn es gab Kinder, die auf jeden Zettel, in jedes Wort einfach „automat“ einfügten. Aber die Dichtung wäre nicht die magische Angelegenheit, die sie ist, wenn nicht gerade auf diese Weise eines der schönsten Langwörter entstanden wäre, mein Favorit, der HUNDESPIELZEUGAUTOMATENALARMSIRENENKNOPF. Auch dem Hausboot war inzwischen ein HAUSBOOTSCHLANGENKLOHEIZUNGSBLUMENKRANZ geworden. Und wenn Ihr Kind im Baumarkt demnächst nach FLASCHENLAGERRAUMLAMPENLASCHEN fragt, dann wissen Sie, woher diese Fachkenntnis stammt.

Danach war Pause. Ich habe die überragende Bedeutung der Pause im letzten Bericht schon angedeutet. Gut belüftet folgten die Kinder dann der Geschichte, die ich vorlas, einer Geschichte, die noch ohne Titel ist, aber immerhin einen Untertitel hat: Die Memoiren einer Brotdose, erzählt von ihr selbst. Die Kinder folgten der zehnseitigen Episodengeschichte interessiert und amüsiert. Das zentrale Mittel der Erzählung ist die Verschiebung der Perspektive vom Schulkind auf seine Brotdose. Und die Ich-Erzählform erledigt jeden Einwand, Brotdosen hätten kein Eigenleben. Ich denke, hatte schon der Philosoph Descartes festgestellt und gefolgert, also bin ich. Das gleiche reklamiert nun die Brotdose für sich, einfach indem die Ich-Erzählung anfängt.

In der anschließenden Gesprächsrunde konnte jedes Kind von Erlebnissen seiner Brotdose oder von einem ihrer Bekannten berichten. Nach einer weiteren Pause – gefüllt mit einer Spezialität aus den Brotdosenmemoiren, dem köstlichen Fortunabrötchen – ging es ans Schreiben. Die Villa Mosaik in Eichwalde bot genug Platz für jedes Kind, der einsamen Tätigkeit des Schreibens auch einsam nachzugehen. Interessant für mich war zu sehen, wie unterschiedlich die Kinder sich dem (schriftlichen) Erzählen annäherten. Für einige war das Schreiben selbst die Hürde, also das zu-Papier-Bringen der Buchstaben, für andere war der Inhalt der Geschichte das Problem – oder vielleicht sollte ich sagen, ihr eigener hoher Anspruch. Jeder Schriftsteller kennt den Horror vacui, die Angst vorm leeren Blatt, und es soll Autoren geben, die stapelweise Papier mit ihrem Namen und Ort versehen, um nur ja nicht vor einem leeren Blatt zu sitzen.

Nach einer, ich schreibe es gern, weiteren Pause im Sonnenschein, trugen die Kinder ihre Geschichten vor der Gruppe vor und bekamen erste Rückmeldung. Die wichtigste Botschaft ergab sich dabei in der Summe, nämlich die, dass keine Geschichte auf Anhieb fertig ist. Nichts, was den Kindern in den Medien begegnet, seien es Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke, Hörspiele oder Filme begegnet ihnen in erster Fassung. Alles ist überarbeitet, mehrfach zum Teil und langwierig. Schreiben heißt Neu-Schreiben, das weiß jeder Autor und er weiß außerdem, dass nicht jede Überarbeitung vergnügungssteuerpflichtig ist. Da war es sehr gut, dass die anstehende Überarbeitung auf den morgigen Sonntag fiel.

Die samstägliche Auswertungsrunde hatte ergeben, dass sich die Kinder mehr Pause wünschen. Noch mehr?! Ich versprach für die Doppelwerkstatt 7/8, die wir mit Übernachtung in Blossin absolvieren werden, eine abendliche Ansammlung von lauter Pausen. Außerdem ließen wir, Barbara Winter und Maren Keutel vom Verein Kind & Kegel Eichwalde und ich, den Sonntag einfach mit einer Pause beginnen. Und ob es an dieser Pause lag oder an der sonntäglichen Ausgeruhtheit, am frühlingshaften Wetter oder einem bundesministeriellen Wohlgefallen, das über uns leuchtet, die Kinder jedenfalls stürzten sich willig, ja geradezu begeistert und konzentriert in die Überarbeitung oder Ergänzung ihrer Geschichten, der Episoden aus dem Leben von Brotdosen.

Abschließend spielten wir einen weiteren Aspekt des Autorenlebens nach, die Vertragsverhandlungen mit dem Verlag. Einen 500-Euro-Schein bekam jedes Kind von mir für seine Geschichte. Bis Emilia kam und fragte, ob sie ihr Honorar in 50er-Scheinen bekommen könnte. Ich gab ihr zwei Zweihunderter und sie war’s zufrieden, schließlich sind zwei Scheine Esspapier besser als einer. Im weiteren verfuhren wir äußerst großzügig mit den Scheinen, jeden richtigen Verlag hätte wir so binnen Minuten ruiniert.

Im zweiten Teil der Werkstatt konnten die Kinder wieder händisch arbeiten, sie druckten die Langwörter von gestern oder sie duellierten sich gruppenweise im Wörterfindespiel. In kleinen Gruppen ging ich mit den Kindern erneut an das Überarbeiten ihrer Geschichten und es war für alle Teilnehmer eindrücklich, in der abschließenden Vortragsrunde zu erleben, was durch zwei Überarbeitungen aus den Entwürfen des gestrigen Tages geworden war. Zumal für Emilia, Emma und Jan Ole war es gut, den lauten Vortrag vor Publikum zu üben, denn sie werden ihre Geschichten am kommenden Mittwoch auf der 25-Jahr-Feier des FBK Brandenburg in Potsdam vortragen.

Die Legung der Werkstätten auf das Wochenende hat sich ein erstes Mal bewährt. Es war ergiebig und effektiv, am Samstagnachmittag einzusteigen und die Arbeit am Sonntagvormittag fortzuführen. Es haben sogar Eltern angeboten, den Kuchen zu backen, den ich diesmal mitgebracht hatte. Ich weiß nicht, ob sie wussten, dass ich zwei Anläufe gebraucht hatte, um einen Käsekuchen zustande zu bringen. Aber es gilt offenbar auch in der Küche: Nichts gelingt auf Anhieb.

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