Projektdaten:

  • Titel/Thema: Flucht und Migration
  • Bündnispartner 1: Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. in Niedersachsen, Künstlerhaus/Sophienstr. 2, 30159 Hannover
  • Bündnispartner 2: IGS Göttingen, Schulweg 22, 37083 Göttingen
  • Bündnispartner 3: boat people project, (Freies Theater Göttingen), Dürrstraße 1, 37083 Göttingen
  • Autorenpate: Nevfel Cumart
  • Zeitraum: 01.01.2016 - 31.12.2016
  • Ort: Göttingen
  • Bundesland: Niedersachsen
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 23


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Presse

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Autorenpatenschaft Nr. 23

 

Projektbeschreibung

Geplant ist eine Zusammenarbeit mit einem Jugendbuchautor, einer Gruppe von Flüchtlingen und Schüler/innen der IGS Göttingen.

Ab Anfang 2015 werden Flüchtlingsfamilien in kleinen Wohnungen längerfristig in Göttingen wohnen. Mit einer geschlechtsmäßig gemischten Gruppe sind Schreibwerkstätten o.Ä. zusammen mit IGS-Schüler/innen denk- und realisierbar. Frau Chevallerie vom boat-people-projekt des Freien Theaters Göttingen denkt besonders an Gedichte, die gelesen und selbst geschrieben werden können, da die Deutschkenntnisse bei den Flüchtlingskindern begrenzt sein werden. Frau Chevallerie berichtet, dass in ihrer momentanen Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen andere Aspekte im Vordergrund stehen. Für Literatur muss noch interessiert werden. Die geringen Deutschkenntnisse müssen für die Konzepte und Methoden berücksichtigt werden. Sie erlebt aber Flüchtlinge als sehr lernbegierig und daher ist eine Schreibgruppe durchaus machbar. Wir gehen davon aus, dass die Teilnehmer sich untereinander helfen oder lernen, sich zu helfen, und dass viel für die sprachliche und soziale Integration der Flüchtlingskinder gewonnen wird. Andererseits wird das Verständnis bei den IGS-Schülern für die Problematik sehr zunehmen.

Als Autor haben wir Nevfel Cumart gewonnen, der einerseits den Schwerpunkt Lyrik hat, sehr erfahren mit multikulturellen Workshops ist und außerdem nicht nur türkisch, sondern auch arabisch versteht. Ggf. kann ein/e weitere/r Autor/Autorin zum Einsatz kommen.

 

Bilder

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 23


Freude

Über blühende Wiesen gehen
Unter einem Wasserfall stehen
In der Sonne liegen
Viel vom Nachtisch abkriegen
Frisch gemähten Rasen riechen
Auf allen vieren durch´s Kornfeld kriechen
Den Sonnenuntergang begucken
Weit ins salzige Meer reinspucken
Aufgeheizte Steine unter den Füßen
Als erster Mensch die Sonne begrüßen
Etwas Verlorenes wiederfinden
Einen bunten Sommerstrauß binden
Mit der Freundin einen Ausflug machen
Nicht mehr aufhören können zu lachen
Es auf Partys richtig krachen lassen
Weiches Tierfell anfassen
Morgens lang im Bett liegen
Den ersten Kuss kriegen
Eine gute Note schreiben
Sich das Lieblingsessen einverleiben
Abends ein Lagerfeuer entfachen
Mit netten Menschen lachen
Sich neu verlieben
Aus Erde Gold raussieben
Den ersten Preis erhalten
Ein Kunstwerk aus Papier falten
Etwas geschenkt kriegen
Beim Wettbewerb siegen
Lange aufbleiben dürfen
Morgens Kaffee schlürfen
Eine Sternschnuppe sehen
Mit der Schwester shoppen gehen
Ein Lied singen
Ja, vor FREUDE in die Luft springen!

Carla Becker, 14

Schlaflos

Ich liege im Bett und  mache die Augen zu
schlafe nicht  ein
komme nicht zur Ruh
ich kann nicht entspannen
Fühle mich wie gefangen
Deshalb schüttel mein Kopfkissen aus
doch die Sorgen fallen nicht raus

Drehe mich von rechts nach links
merke schnell das es das nicht bringt
weil die Sorge in meinem Kopf zu laut singt

ich selbst weiß ganz genau wenn ich Dummheiten bau
und trotzdem tue ich es immer wieder
und schenke der Sorge neu Lieder
die sie dann singt
und mich zur Weißglut bringt
weil ich nicht schlafen kann
Deshalb schüttel ich mein Kopfkissen aus
doch die Sorgen fallen nicht raus

Bei Frau Holle fallen die Federn und werden Schnee
bei mir fallen die Federn und werden Tränen
und egal wie schnell die Tropfen die Wange runter fließen
ich kann einfach nicht schlafen
kann das Jung sein und Fehler begehen nicht genießen

als kind konnte ich nicht schlafen
denn da lebte ein Monster unter meinem Bett
ein Monster das es nur nachts gibt wenn es dunkel ist
das Nachts nach mir greift
doch im Bett der Elter war ich sicher
denn da existieren keine Monster

heute liegt das Monster nicht mehr unterm Bett
nein, es teilt sich ein Bett mit mir
und egal wo hin ich flüchte ich nehme es mit
denn das Monster und ich sind lengst eins geworden
das Monster, es sind meine Sorgen
es ist ein Stück ich
und das fällt mir nachts in der stillen Dunkelheit am meisten auf,
dass ich ein Stück Monster bin und anderen Unglück bring
andere traurig mache
andere auslache
Feuer entfache
das ist Tatsache
es ist 0 uhr 3
und die Sorge im Kopf singt „ohwei“

Deshalb schüttel mein Kopfkissen aus
doch die Sorgen fallen nicht raus
drehe mich von rechts nach links
merke schnell, dass es das nicht bringt
weil die Sorge in meinem Kopf zu laut singt

ich setze mich im Bett auf
und schau dem Fenster raus
starre in die Dunkelheit
meine Fehler tuen mir leid
doch jetzt kann ich es eh nicht mehr rückgängig machen
ihr seid eh schon dabei mich auszulachen
euch vor zunehmen mich morgen fertig zumachen
oh wer ich doch bloß noch klein

dann könnte ich mir so viel Ärger sparen
müsste keine Miete bezahlen
mich um keinen kümmern
hätte keine 6 geschrieben
und würde schon längst schlafend in meinem Bett liegen

doch es ist 1 uhr 20
das mit dem schlafen ich kannst heute einafach nich

Deshalb schüttel mein Kopfkissen aus
doch die Sorgen fallen nicht raus
die Sorgen fallen nicht raus
ich mache das Licht an
laufe durchs Haus
esse noch was
doch auch das macht kein Spaß
räume etwas auf
doch auch da stehe ich nicht ganz so drauf
ich schnauf

denn ich weiß jetzt schon das ich morgen früh aufstehen muss
und das mit großem frust
das habe ich schon am Abend zuvor gewusst
denn ich bekomme jede Nacht zu wenig Schlaf
und nein es kommt kein Scharf mit seiner Herde die ich dann zähle
es kommen Sorgen über die ich mich meist unnötiger weise aufrege
da ich wenn du anrufst immer auflege
da ich das mit der Arbeit gerade nicht auf die Ketten kriege
da ich viel zu gerne Siege um zu verlieren
da ich Schmerzen habe an den Nieren und nicht weiß was das ist
weil ich dich vermiss
weil sich mein Freundeskreis gerade verpisst
ICH HABE SCHISS
und sorgen
und fehler
und leid
und es tut mir auch leid
und dann kommt dazu auch noch dieser Neid
und stress wegen so einer Kleinigkeit

und ich schaue auf die Uhr
gleich klingelt mein Wecker
deshalb versuche ich es noch ein letztes mal

ich schüttel mein Kopfkissen aus
doch die Sorgen fallen nicht raus
Drehe mich von rechts nach links
merke schnell, dass es das jetzt doch was brin … rin rin rin

Lotte Hagemann, 17

Ich

Probleme ansprechen, klären, überlegen, Lösungen zurechtlegen, auf anderen Wegen gehen ist
schwer, zu schwer für mich, doch das zeige ich anderen nicht
möchte ja gerne die Starke sein
Ich gehe abends alleine Heim
und verlasse morgens alleine das Haus
weil ich niemanden brauch
Ich habe keinen zum Reden und eigentlich doch so viel
ich habe keinen zum Reden, denn ich versuchte es immer zu vermeiden
mir fiel es schon immer schwer Gefühle zu zeigen
ich habe es mir selber ausgedacht
wollte doch immer diese eine sein
und jetzt bin ich mit meinen Gefühlen alleine,

 

alleingelassen von der Welt und vorallem von mir selbst
ich belüge mich, bin halt kein Held
möchte dir gern davon erzählen
kann ich aber nicht
denn ich will die starke sein
kann ich aber nicht
die die niemals zusammen bricht
das bin ich
Gefangen in einem Gefängnis das ich mir selber bau
Gefangen in einem Gefängnis
da ich mich nicht auszubrechen trau
Gefangen,
ein Schloss vor die Tür

eine Träne auf meiner Wange für mich kein seltenes Bild
aber für dich, denn du hast mich noch nie so gesehen
eine Träne auf meiner Haut ein seltenes Bild für dich
und auch für mich denn Tränen unterdrücke ich
sie werden schnell weg gewischt und ein Lachen drüber gemalt

mein Bild von einem perfekten ich, ist das was ihr von mir habt und das soll auch so bleiben
bin eine taffe Frau, halte nicht viel vom Leiden
stets ein Lächeln auf den Lippen
ich kann gar nicht umkippen

wenn du fällst fang ich dich auf
nehme deine schlechte Laune in Kauf
doch du wirst mich nie fangen
da ich mich nicht fallenlassen kann
da ich die starke sein muss
die mit Spaß statt frust

Du denkst weil ich dir meine Gefühle nicht zeige bin ich stark
ich bewunder dich, dass du es kannst
auch wenn ich dir das nie sage
denn um das zu tun, müsste ich über Gefühle sprechen, das kann ich nun mal nicht
Gefühle sind mein Schatten, Lachen ist mein Licht

Und du hast recht wenn du sagst das Lachen der Ausdruck eines Gefühls ist
Doch es muss echt sein, ein bisschen frech sein, von dort kommen, dort, mitten aus dem Herzen

Lachen in meine Schutzmauer
die ich mir selber aufgebaut habe
Lachen ist mein Schwert im Kampf gegen Tränen
denn mir wurde beigebracht du kannst mit lachen mehr bewegen als mit Tränene

Und doch gehören Tränen auch zum normalen Leben
doch ich kann nicht darüber reden

alleingelassen von der Welt und vor allem von mir selbst
ich belüge mich, bin halt kein Held
möchte dir gern davon erzählen
kann ich aber nicht
denn ich will die starke sein
kann ich aber nicht
die die niemals zusammen bricht
das bin ich
Gefangen in einem Gefängnis das ich mir selber bau
Gefangen in einem Gefängnis
da ich mich nicht auszubrechen trau
Gefangen,
ein Schloss vor die Tür

Und du drückst schon wieder deine Bewunderung aus
und ich halte es nicht mehr aus, möchte raus, muss raus, finde den Ausgang nicht
Gefühle sind mein Schatten, Lachen ist mein Licht

Doch langsam wird es dunkel im Bunker
meine Hände tasten die Wände entlang
mir ist der Ausgang nicht bekannt

Du siehst, dass ich deine Komplimente nicht genieße
und hörst wie ich schniefe
wie meine Stimme zittrig wird und meine Augen glassig
wie meine Hände zittern und ich nach vorne kipp

Eine Träne läuft aus meinem Auge.
Sie fließt so schnell meine Wange hinunter, beeilt sich um zu zeigen
das auch ich Weinen nicht vermeiden kann
Die Träne läuft weg vor meiner zittrigen Hand die sie doch erwischt, und verwischt
Die Träne ist weg und mein Lächeln auch
nach dem du mich lange angestarrt hast, sichtlich überfordert mit der Situation nimmst du mich in den Arm

Du meinst es gut
doch es tut mir nicht gut
es tut mir weh
weil ich mich selber nicht gerne so seh

Drum befrei ich mich aus deinen Armen und lauf ins Bad
kaltes Wasser ins Gesicht
und das Lächeln üben
so schaffe ich das auch mit dem selbst belügen

alleingelassen von der Welt und vor allem mir selbst
ich belüge mich, bin halt kein Held
denn ich will die starke sein
kann ich aber nicht
die die niemals zusammen bricht
das bin ich
Gefangen in einem Gefängnis das ich mir selber bau
Gefangen in einem Gefängnis
da ich mich nicht auszubrechen trau
Gefangen,
ein Schloss vor die Tür

Habe den Ausgang aus meinem Bunker gesehen
doch dann blieb ich stehen
denn der Bunker hält mich nicht nur gefangen,
er beschützt mich auch
und das ist das was ich eben brauch
und deshalb nehme ich die Enge in Kauf
denn Gefühle sind mein Schatten und Lachen, Lachen ist mein Alltag geworden
machst du dir jetzt Sorgen?

Wenn ja dann hör doch bitte auf damit
denn Mitleid das brauche ich nicht
Und sorgen schon gar nicht
denn das kann ich nicht ertragen, für mich sind es plagen, meist begleitet von Fragen, Fragen dessen Antwort ich dir gar nicht sagen möchte

Aber dein Blick verrät mir, dass du dir gerade ganz viele stellt
und du vermutest schon, dass mir das nicht gefällt

Und so erzähle ich dir schnell ein Witz, doch wir beide lachen nicht
Statt mich zu öffnen, baue ich weiter an der Mauer
Statt den Ausgang zu suchen
höre ich auf das Schloss vor der Tür zu verfluchen
Satt dir zu danken, will ich nur vergessen
so wie ich es ganz oft tu
und schon lache ich wieder
und du hörst mir bei meinen Lügen zu

Lotte Hagemann, 17

Welt I

In Schall, in Rauch, in Wohlgefallen
Ist die alte Welt zerfallen
warfst noch die letzten Blicke drauf,
da löst die neue Zeit sie auf.
Die alten Werte,
längst Vergangen.
Ein Traum von Vögeln,
die niemals sangen.
Die gold'ne Zukunft?
Längst vergangen!
Die Rechnung ist nicht aufgegangen.

Welt II

Was erhält noch deine Welt,
wenn Traumgebild' zusammenfällt?
Erst kannst du es gar nicht fassen,
kannst fast nicht mehr an dich halten,
wirst staunend du zurückgelassen,
von finster-fiesen Schreckgestalten.
Wie sich die neue Welt verhält,
ist der Fantasien mannigfalten
exklusiv stets vorbehalten.

Welt III

Im wabernd wirren Weltenwusel
steh ich einsam und allein
wandelnd durch die dunklen Stunden
ergeb' ich mich der grausig Pein

Dämonen reißen tiefe Wunden
in weiche Alabasterhaut
und mich versklavt die blinde Wut
die sich in meinen Adern staut

Die Angst packt mich tief im Gemüte
mir schwebt es allzu grausig vor
so bettle ich um etwas Güte
Ich tauber, blinder, alter Tor

So verlor ich das mir Liebste
in tiefsten Tiefen, dunkler Stund'
und weil mich die Geister riefen
ergeb* ich mich dem dunklen Schlund

Tief in finst'rer Albtraumschlucht
zerreißt es mich so kalt wie Eis
schier unmöglich scheint die Flucht,
mir armem, irrem, Tattergreis

Ich fühl mich so wie nie erwacht,
aus schreckensvollem, bösem Traum
und als ich stand vor deiner Pracht,
geblendet, starr von deiner Macht,
merke ich: das ist bloß Schaum

So geb ich nun nach vielen Tagen,
bitterlich die Hoffnung auf,
lasse es dir nachzujagen,
lass den Dingen ihren Lauf.

Endlich, spreche ich zum Abschied,
ein bittersüßes, letztes Wort,
weine rabenschwarze Tränen,
und mir geht auf: Nun bist du fort.

Jan-Erik Heilmann, 17

Der Kampf

Der Strahl, der ans Gesicht mir dringt,
die dunkle Nacht darniederringt
ist ein Schein der Hoffnung spendet,
ist fern vom Werk das einzig blendet
das ist es was mir Hoffnung bringt
von einem neuen Leben singt
Und das können wir wohl gebrauchen
denn wir alle sind geprägt
von,
Tyrannen die zusammenstauchen
bis dein Herz dir nicht mehr schlägt.

Kunst

In den wirklich dunklen Stunden
hat die Muse mich gefunden
fiel mir ins Gewissen ein
drängte mich zu strengem Schaffen
und obgleich mein Herz ist rein,
muss ich auf zur Moral mich raffen

Die Naturalien

I

Alt und Mächtig
Bedeutungsträchtig
Hältst du die Dächer dieser Welt
Gekleidet in grünem Gewand
hast viele Arme
doch keine Hand
Mitstreiter der Zeiten
der niemals fällt
mit tausend Wahrheiten
ganz prächtig gefüllt
allein im Raum
von schuppiger Haut zur gänze verhüllt
bist groß und knorrig du ein Baum

II

Wasser das vom Himmel fällt
macht ein jedes Wesen gleich
das zu den Zeiten auf sich hält
in dem grünen Erdenreich

Jan-Erik Heilmann, 17

Glück

leuchtend,
nicht grelles, Gelbgrün.
Ein Geschmack sanft süß, exotisch
und doch freundschaftlich vertraut.
Ein Duft, intensiv und besonders
wie der von Orange, Zitrone, Kakao
oder der des Holunders.
Ein Klang, ein Ton, eine Melodie,
ein Lied, das man singt,
weil es zeigt, was man denkt.
Ein Gesicht mit geröteten Wangen,
Finger, die sich umeinander schlingen.
Ein Gefühl wie ein sprudelndes Prickeln,
das Mundwinkel hebt und mit
Grinsen und Lachen
Kichern und Weinen
aus der Brust sich befreit.
Sei bereit!
für Flüchtigkeit

Philine Venus,  18

Zugfahrt

gestern im zug richtung aurich
wurde mir klar hey ich brauch dich
warum grade jetzt weiß ich auch nich
ich denk nur an dich doch ich glaub ich
rauch nich und sauf nich
so denk ich klar nur ich trau mich
nicht
stirnfalten ziehen sich krausich
ich nehme dich reise gern auf mich
seit gestern im zug richtung aurich
wenn ich träum du beträumtest auch mich

Philine Venus,  18

 

Bilder

 

Und es ist besser

Und es ist besser für mich ohne dich zu sein,
denn das Denken an dich schränkt mich bloß ein.
Und es ist besser für mich bei dir zu sein,
denn hier bin ich gerne, leicht und alles ist gut.
Für dich wäre es besser ehrlich zu sein,
denn das ewige Spiel schränkt dich bloß ein.
Ja und für dich wärs auch besser bei mir zu sein,
denn ich weiß ich würde dich verstehen.

Ich weiß jetzt, dass es kleine Momente und große Momente gibt.
Du warst ein kleiner Moment.
Zuerst.
Ein zufälliger Moment, irgendwo zwischen alten und neuem. Verhassten, Geliebten, Unbekannten und Treuen.

Schwarze Striche unter den Augen, die die Nacht verraten.
Fremde Gerüche an meine Klamotten
Eine Straßenecke auf der es sich lohnt zu warten
Zusammengeknülltes Papier das droht zu verrotten.

Es ist noch nicht ganz hell und auch nicht mehr ganz dunkel.
Ich bin noch nicht ganz hier, denn ich bin noch nicht weg von dir.
Nein, ich bin damit beschäftigt auf etwas zu warten.
Etwas wichtiges…jedenfalls fühlt es sich für mich so an,
denn das Warten dauert irgendwie so lang.
Wie der Wunsch als Kind etwas zu bekommen, was man ersehnt.
Ungeduldig und wachsam.
So warte ich auf die Antwort die ich mir selbst oder die vielleicht du mir geben wirst.
Die Antwort auf den Sinn von dem Allen hier.
Vielleicht auch auf die Bedeutung der Momente der kleinen und der großen…denn ehrlich gesagt weiß ich sie für mich nicht.
Das liegt heute nicht an dem Bier.
Und auch nicht an der späten Stunde.
Die Sätze die ich heute sagen wollte kommen einfach nicht aus meinem Munde.
Die Fragen lassen sich nicht Formen und Antworten kann ich heute schon gar nicht geben.
Du warst ein weiterer Versuch mich dem Unbeschwerten hinzugeben.
Mehr leicht zu leben.
Aber hier draußen in der nächtlichen, fröstelnden Kälte und der morgendlichen Aufregung , drängt es in mir nach einer Entscheidung.
Während ich warte am Straßenrand, wo du mich in meiner Welt fandst schlägt in mir mit Fäusten mein kindliches Ich. Es schreit : „Ich will nicht mehr warten! Meine Welt ist weniger, aber auch so viel mehr ohne dich!“. Und es springt auf und stampft auf den Boden, voller Wut und Ungeduld angeschoben. So setze ich mich langsam auf. Erblicke Autolichter, sie fahren die Straße hinauf. Nach Hause zur Sicherheit, geradeaus oder auf neuen Wegen ins Ungewisse.
Ich stehe auch auf, bewege mich im langsamen aber bestimmten Lauf.
Und als ich bei dir bin, schaue ich dir in die Augen.
Ich kenne sie und weiß an was sie glauben.
Aber das sie mir meinen Stolz nehmen, dass kann ich ihnen nicht erlauben.
Und so stehe ich vor dir und denke:
Und es ist besser für mich ohne dich zu sein,
denn das Denken an dich schränkt mich bloß ein.
Und es ist besser für mich bei dir zu sein,
denn hier bin ich gerne, leicht und alles ist gut.
Für dich wäre es besser ehrlich zu sein,
denn das ewige Spiel schränkt dich bloß ein.
Ja und für dich wärs auch besser bei mir zu sein,
denn ich weiß ich würde dich verstehen.
und sagen tue ich: „Machs gut!“
Dann gehe ich, weg von hier und bin jetzt auf der Suche nach Sicherheit in mir.

Sarah Bunz, 17

Flucht

Ich liebe sie, doch sie sind fort
An einem weit entfernten Ort
Werd' sie niemals wieder sehn'
Ich weiß, ich könnt'- ich müsste gehen'
In ein Land, wo Frieden herrscht
Der Abschied mich jedoch sehr schmerzt
Kann nicht gehn', es schmerz zu sehr
Riskier mein Leb'n ist Wüste und Meer
Hab Angst zu gehn', drum bleibe ich
Glücklich werd' ich dennoch nicht

Saskia Michael, 16

Fremde

Sie sieht aus, wie die Farbe grau.
Sie riecht nach Dingen, dessen Namen mir unbekannt sind.
Sie hört sich an, als würden sich die Einheimischen gegen mich verschwören.
Sie sieht aus, wie eine Schar von Menschen, die Dir das Gefühl geben, unerwünscht zu sein.
Sie fühlt sich an, als hätte Dir jemand das Recht zum Glücklich-sein gestohlen.
Sie, die Fremde, ist oft unerträglich.

Saskia Michael, 16

Das Boot

Das Boot wackelt. Es ist kalt und dunkel. Rechts neben mir sitzt der Mann, den ich einst meinen Lehrer nannte. Links neben mir.. ist nichts. Jedenfalls sieht es so aus. Nur schwarz. Schwarzes waberndes etwas. Wasser. Viel Wasser. Soviel, dass ich in keiner Richtung Land erkennen kann.
Das Mittelmeer.
Das Boot ist überfüllt. Aneinander gedrückt sitzen wir da. Warten. Hoffen. Hoffen auf ein besseres Leben. In Europa. In Deutschland. In Sicherheit.
„Mutti Merkel wird uns helfen.“ Das hat meine Mami immer gesagt. Ich hoffe es. Hoffe auf Frieden.
Wenn ich einmal groß bin, will ich Politikerin werden. Dann kann ich den Krieg daheim beenden. Alles wäre schön. Friedlich. Sicher. Ein Leben ohne Angst… und ohne Krieg. Ich denke an zu hause. An unser Haus, das von Bomben zerstört wurde. An meine Schule, die keine mehr ist. An meine Stadt…. dem Erdboden gleichgemacht. An die Flugzeuge…. die alles zerstörten.
An meine Familie… die ich nicht mehr habe. Alle sind tot. Brüder. Schwestern. Cousins. Cousinen. Onkel. Tanten. Papa. Mama.
25 Mitglieder.
17 davon…. Kinder. 2-17 Jahre alt.
Acht Menschen, die mich schützten.
Siebzehn Menschen, die mit mir spielten.
Fünfundzwanzig  Menschen, die mich liebten.
Tot.
Nur ich lebe noch. Ich versprach Mami, dass ich es nach Deutschland schaffe. Ich versprach es ihr…. Bevor sie in meinen Armen starb.
Ich merke, wie sich Tränen den Weg über meine Wangen bahnen. Mein Lehrer neigt seinen Kopf zu mir herunter. Er flüstert: „Es kann nur besser werden.“

Aber das sollte es nicht. Ein heftiger Ruck geht durch das Boot. Es muss irgendwas gerammt haben. Viele schreien. Alte Leute. Kleine Kinder. Ich schreie nicht. Es hilft nicht.
Einige Kinder, die außen saßen, fallen in die wabernde schwarze Masse. Mit Mühe klammere ich mich mit meinen kleinen Händen an den Arm meines Lehrers, der mich hält. Weiter vorne versucht ein kleiner Junge, der mich sehr an meinen Bruder erinnert, verzweifelt zurück ins Boot zu gelangen. Er schafft es nicht. Ich sehe, wie er unter geht… und nicht wieder auftaucht. Ich versuche an etwas anderes, als an den Jungen, zu denken.
Ich merke, wie meine Füße nass werden. Ehe ich mich fragen kann, was passiert sein mag, erreicht das Wasser meine Knöchel. Ich schaue mich um. Das Boot läuft voll mit der schwarzen wabernden Masse... mit Wasser. Die Menschen auf dem Boot schreien. Ich höre Hilfe-Schreie, Namen, Gebete. All das verläuft bei mir stumm.
Plötzlich… kippt das Boot.
Noch mehr Schreie.
Noch mehr Namen.
Die ersten gehen über Bord. Ich klammere mich verzweifelt an die Reling, sodass meine Fingerknöchel weiß hervor treten.
Dann…. Sinkt das Boot.
Meine Hose wird nass.
Dann mein Pullover.
Dann…. muss ich schwimmen.
Das Boot…. verschwindet im Meer.
Ich sehe mich um..
Überall gehen Menschen unter.
Tauchen wieder auf.
Oder bleiben verschwunden.
Hinter mit spricht mein Lehrer.
Ich soll auf mich aufpassen.
Ich drehe mich um. Aber…
Er ist verschwunden.
Nur sein Hut treibt allein auf der schwarzen wabernden Masse.
Das Wasser ist so kalt.
Ich kann es nicht beschreiben.
Die Sterne am Himmel werden von Wolken verdeckt.
Er ist dunkel. Kalt. Laut.
Das Rauschen des Wassers dröhnt in meinen Ohren.
Unterbrochen von den Schreien anderer.

Lange Zeit vergeht. Ich versuchte nicht, weiter zu schwimmen. Hoffe nur, mich über Wasser halten zu können, bis endlich Hilfe kommt.
Meine Kleider kleben an meinem Körper. Ich zittere.
Immer wieder gehe ich unter.
Schaffe es wieder nach oben.

Meine Kräfte schwinden.
Meine Muskeln scheinen in Flammen zu stehen.
Mein Atem geht stoßweise.
Mit meinen Kräften bin ich am Ende.

Um mich herum ist es still geworden.
Viele sind ertrunken.
Andere versuchen an Land zu gelangen.
Aber…. an welches Land?

Ich tauche wieder unter. Halte die Augen geschlossen und den Atem angehalten. Ich paddele mit den Händen. Mit den Füßen…
Aber ich schaffe es nicht mehr.
Meine Kraft reicht nicht aus.

Ich öffne meine Augen. Ein Fehler. Das Salzwasser brennt in meinen Augen.
Sofort schließe ich sie wieder.
 Ich atme Wasser ein.
Ekelig.

Noch immer kämpfe ich.
Versuche an die Wasseroberfläche zu gelangen.

Ich verliere die Orientierung.
Weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.

Ich öffne nochmals die Augen.
Ich sehe die Sterne.
Wie durch einen Schleier.
Einen tödlichen Schleier.
Ich bekomme keine Luft.
Meine Augen brennen, wegen dem Wasser.
Meine Muskeln brennen vor Erschöpfung.
Ich sehe nicht mehr klar. Alles verschwimmt.
Vor meinen Augen sehe ich meine Familie.
Meine Mami.

Erst jetzt beginne ich zu verstehen.
Ich werde es nie nach Deutschland schaffen.
Werde niemals frei sein.

Ich werde, wie viele andere, der schwarzen wabernden Masse zum Opfer fallen.

„Es tut mir so leid“, entschuldige ich mich in Gedanken bei meiner Mami.

Ich habe es versprochen.
Es war Mamis letzter Wunsch.
Und ich werde es nicht schaffen.

„Verzeih mir, Mami.“

Meine Augen werden schwer.
Ich sinke immer tiefer.
Ich schließe meine brennenden Augen.
Ich denke nach.

An alles, was ich nun nicht mehr tun kann.
Ich werde nicht mehr die Sonne sehen.
Ich werde nicht mehr Lernen können.
Ich werde nicht mehr Lachen können.
Ich werde nicht mehr Leben können.
Ich werde nicht mehr glücklich sein.
Nie wieder.

Ich denke an Freiheit.
Ich denke an Frieden.
Ich denke an Liebe.
Ich denke an Familie.
Meine Familie.

Ich lasse los

Saskia Michael, 16

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