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Projektdaten:

  • Titel: MISCH
  • Bündnispartner 1: GEW Kreisverband Göttingen, Weender Landstraße 6, 37073 Göttingen
  • Bündnispartner 2: Stadt Göttingen, Dezernent FB Personal, Schule und Jugend, Neues Rathaus, Hiroshimaplatz 1 – 4, 37083 Göttingen
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. in Niedersachsen, Künstlerhaus/Sophienstr. 2, 30159 Hannover
  • Autorenpate: Anja Tuckermann wuchs in Berlin-Kreuzberg auf. Sie engagierte sie sich in der feministischen Mädchenarbeit, war Mitbegründerin des Treffpunkts "Mädchenladen Spandau" in Berlin, gründete "Tigermädchen", eine Zeitschrift mit Geschichten und Gedichten von Kindern und Jugendlichen, arbeitete in einem Jugendverband bei Reisen für Kinder und Jugendliche in die Türkei und andere Länder mit. Sie war von 1988 - 1992 Redakteurin beim RIAS Kinderfunk, später DeutschlandRadio Berlin, von 1992 - 1997 arbeitete sie freiberuflich für die Redaktion. Durch die Arbeit beim Kinderfunk kam sie zum Schreiben auch für einen jüngeren Leserkreis. Und durch den Roman "Muscha" kam sie zum Schreiben für das Theater. Heute schreibt sie Belletristik für Erwachsene, für Kinder, Theaterstücke, Text für Musik, für Film, Kurzprosa. Ihre Werke sind in dreizehn Sprachen übersetzt. Sie leitete Schreibwerkstätten und Seminare für Prosa und Theater, u.a. am Staatstheater Stuttgart, auf Einladung des Goethe-Instituts in Istanbul, Ankara, Chennai/Indien, Abu Dhabi und Beirut, an der Universität Augsburg, für das Archiv der Jugendkulturen, im Jugendkunst- u. Kulturzentrum „Schlesische 27“ Berlin, in der Akademie der Künste Berlin, bei LesArt in Berlin und besonders häufig mit Kindern in Schulen in Deutschland und der Schweiz, oft auch in Zusammenarbeit mit dem FBK.
  • Zeitraum: 01.01.2018 - 31.12.2018
  • Format: Modul 1 (ganzjährig)
  • Ort: Göttingen
  • Bundesland: Niedersachsen
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 83


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 83

Cover der Autorenpatenschaft Nr. 83

 

Projektbeschreibung

Im Bündnis mit der GEW Göttingen, Veranstalter der Kinder-und Jugendliteraturwoche Göttingen und Northeim, und dem StadtRadio schreiben Jugendliche aus Afghanistan, Bosnien, Deutschland, Libanon, Mazedonien und Syrien über sich, übereinander, über das Land, die Sprache und das Leben hier und dort, von wo sie sich auf den Weg machten.

Sie schreiben Gedanken, Erinnerungen, Alpträume, Prosa, Gedichte, Tagebuch und journalistische Texte – egal in welcher Sprache, egal, ob gemischt. Egal, mit welchem Mittel, welchem Stift, per Mail oder auf Whatsapp. Alles Misch. Und alles zählt. Das Wichtigste ist, dass sie mit der Förderung im Projekt entdecken und lernen zu entscheiden, welche die ihnen wichtigen Themen sind.

Wege werden erzählt, Lebenswege und Lebensstile verglichen, Schwierigkeiten und Ärgernisse benannt.

Beim StadtRadio interviewen die Jugendlichen sich gegenseitig, berichten live vom Projekt, tragen ihre Texte vor, singen. Sie nehmen selbst auf und moderieren ihre eigene Sendung.

Begleitend arbeiten sie im Verlauf des Projekts mit einer Künstlerin mit dem Schwerpunkt Porträt und einem Musiker, Percussionist, Schlagzeuger und Komponist. Sie werden, auch wenn sie nicht perfekt Deutsch sprechen, für den Auftritt proben, sich schließlich überwinden aufzutreten, mit ein m Publikum etwas teilen.

Am Ende des Projekts werden die Jugendlichen allein auf der Bühne stehen, ihre Texte vortragen, sich selbst dazu musikalisch begleiten und mit einem etwa halbstündigen Programm die Kinder-und Jugendliteraturwoche mit eröffnen.

 

Bilder

Fotos: Jonathan Michaeli

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 83


Ich möchte Sommer

Es ist kalt, dunkel. Der Himmel ist grau. Ich möchte Sommer. Wo alles schön blau und warm ist, die Tiere tanzen und die Vögel singen. Ich will Ferien haben und nach Mazedonien fliegen. Sommer heißt late deep nights talks mit meinen Freundinnen, Sommer heißt nach Griechenland, mit meiner Familie zu fahren. Schwimmen, gebratenen Mais essen, auf dem Strand tanzen.

Und dann liege ich da am Sand, sonne mich und denke über mein Leben nach. Ach, wie glücklich ich bin, dass ich meine Familie habe, wir alle gesund und alle zusammen sind. Und dann kommt meine kleine Cousine und spritzt kaltes Wasser auf mich. So auf einmal, wie ein Schock, zerstört sie den schönsten Moment.

Aber ich bin nicht sauer, ich liebe sie, sie liebt mich auch. Hat sie wirklich den Moment zerstört? Glaube nicht. Das war ein schöner Schock, wo sie mir sagt: „Ey, denk doch nicht nach. Leb in diesem Moment, du bist jetzt mit uns. Wir sind zusammen.“

Man bekommt so viele Schocks im Leben, die man nur hinter sich haben will. Aber diesen Schock wollte ich immer haben, für ewig, ich möchte in diesem Moment wieder und wieder leben. Wieder und wieder zurückkommen. Das war mein allerschönster Schock im Leben.

- Anastasija Gaceva


Im Palast

Ich bin Kosm, die Tochter von Sultan Ahmed. Ich habe keine Schwestern, sondern nur Brüder. Ich fühle mich ganz alleine, weil mein Vater immer auf seinem Thron sitzt und sich um Staatsangelegenheiten kümmert. Meine Brüder sind jeder irgendwo, jeder sucht was für sich.

Meine Mutter trifft sich immer mit den Frauen und sie reden die ganze Zeit über Heiraten und nähen und so weiter. Na ja, ich war da schon mal, aber ich fand es richtig langweilig. Sie sucht jetzt einen Mann für mich. Ich soll das jetzt doch nicht. Alle sagen, dass ich hübsch bin, aber das macht keinen Sinn. Ich will selber einen Mann finden. Ich will ihn lieben und er soll mich auch lieben. Ich spiele draußen im Garten des Königspalasts mit ein paar Frauen der königlichen Diener. Ich mag immer Unruhestifterin sein, damit ich Spaß mache. Na ja, wegen meinem Vater habe ich fast alles, was die Mädchen haben wollen. Ich habe viel königlichen Schmuck und ich habe königliche Diener, die jeden Tag mein Essen bringen und mit mir spielen, auch ziehen sie mich an und machen viel und viel und viel für mich. Auch habe ich königliche Wachen. Sie sind auch immer mit mir, damit sie mich schützen können. Mein Vater hat viel Geld und er regiert den ganzen Staat. Ja, ja, ich habe doch alles. Aber, aber das Geld und die Macht sind nicht alles für mich. Ich fühle mich immer leer. Ich brauche etwas, um mich gut zu fühlen.

Eigentlich treffe ich meine Familie nicht immer, ich habe wenig Chance mit meiner Familie zu Mittag zu essen. Jeder von ihnen ist beschäftigt.

Ich bin ganz alleine in diesem großen Palast.

- Lina Barakeh


Nicht. Mehr.

10 Tage auf dem Meer.

Ich will mich nicht erinnern.

Von Libanon nach Ägypten und dann nach Italien.

Ich will nicht daran denken.

Einer ist bei uns gestorben.

Wir dürfen nur Datteln essen und ein bisschen Wasser trinken, damit wir nicht aufs Klo müssen.

Wir sind 7× gewechselt. Zuerst waren wir auf einem kleinen Boot, dann gewechselt auf ein größeres, weil da Wasser einge78 drungen ist. Immer größer, ein Containerschiff aus China hat uns Wasser und Essen gegeben, Thunfisch und Linsen und das Boot mit einem Seil am Schiff festgebunden. Wir haben auf ein italienisches Schiff gewartet, ein richtig großes Schiff mit 300 bis 400 Containern. Und wir haben das Land gesehen. Alle sind fröhlich geworden, als sie das Land gesehen haben. Da waren auch schwarze Männer da, die waren ganz unten, zehn Tage ohne Licht. Alle Kinder und alle Frauen, ob schwarz oder weiß, in der Mitte und oben draußen die weißen Männer, weil sie mehr Geld bezahlt haben.

Ich war mit meiner Mutter in der Mitte und mein großer Bruder war oben.

Bei uns übergibt sich einer über mich. Ich konnte nichts machen, weil er seekrank war.

Das war schlimm.

Ich will nicht daran denken.

Nicht.

Mehr.

Wenn mir einer sagt:

Ich gebe dir zwei Milliarden,

geh zurück und komm noch mal nach Deutschland,

so, wie du gekommen bist,

dann sage ich nein.

- Mahmoud Juma


Stern

Ich schreibe über meinen Freund. Ich sage euch seinen Namen nicht. Aber ich erzähle euch seine Geschichte. Ich kann mich nicht erinnern, wo ich ihn kennengelernt habe. Aber was ich noch in Erinnerung habe, ist der erste Eindruck. Er war glücklich, er hat die ganze Zeit gelacht, er ist ein positiver Mensch. Er sieht auch gut aus.

Er besitzt die größte Lache der Welt mit kleinen Lippen und hellbraunen Augen. Die scheinen wie die Sonne um 14 Uhr in der Sommerzeit. Eine kleine Nase und stark gezeichneten Kiefer. Seine Haare sind braun wie ein Baumstamm. Seine Augen leuchten wie das Aufgehen der Sonne und wenn die Sonne weg ist, dann leuchten sie wie ein Stern an einem dunklen Himmel. Ein schwarzer Himmel. Leider ist sein Leben auch ein schwarzer Himmel. Oder war. Jetzt sieht sein Leben wie ein Himmel um fünf Uhr morgens aus. Wo man die Sonne nicht sehen kann, aber man sieht kleine schüchterne Strahlen. Wenn der Himmel eine leichte rosa Farbe hat. Die zeige die Hoffnung. Die Hoffnung, dass sein Leben ein bisschen leichter wird.

Aber zuerst schreibe ich über meinen ersten Eindruck. Ich dachte, er hat ein gutes Leben, weil er immer gelacht hat, er sah richtig fröhlich aus. Aber nicht alle Dinge sind so gut, wie sie aussehen.

Erstmal war er freundlich, glücklich. Er hat die ganze Zeit gelacht. Wir haben Kaffee getrunken. Der Kaffee war süß, genauso wie er. Ich hatte ein gelbes Oberteil an, er hat mir viele Komplimente gemacht, deswegen habe ich mich wohl gefühlt. Ich habe die ganze Zeit geredet und er hat gelacht.

Ich habe auch nicht gecheckt, dass die Zeit so schnell vorbeigegangen ist. Das war ein Date, aber nicht ein typisches, aufgeregtes Date. Es war chillig, ich hatte das Gefühl, dass wir uns sehr lange kennen. Obwohl er nicht so viel geredet hat. Er hat seine Geheimnisse versteckt …

Nach zwei Tagen haben wir uns wieder getroffen. Ich habe erfahren, dass sein Vater gestorben ist. Ich war die erste Person, die das erfahren hat, weil er mir um 6 Uhr morgens geschrieben hat. Ich war erschrocken. Ich wusste nicht, was ich sagen soll. Aus meinem Mund kam nur „es tut mir leid, ich werde immer für dich da sein“ raus.

Ich habe auch viel nachgedacht, warum er mich zuerst angeschrieben hat.

Jetzt ist das ein Jahr her. Das weiß ich immer noch nicht, ich habe ihn nicht gefragt. Aber ich kann sagen, dass ich glücklich deshalb bin. Vielleicht war ich der Stern, der ihn nicht im Dunkeln gelassen hat.

- Anastasija Gaceva


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