Krieg im Dreistromland

 

Projektdaten:

  • Titel: Krieg im Dreistromland
  • Bündnispartner 1: Emschergenossenschaft Essen, Kronprinzenstraße 24, 45128 Essen
  • Bündnispartner 2: Zeche Carl, AUF CARL gemeinnützige GmbH, Wilhelm-Nieswandt-Allee 100, 45326 Essen
  • Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis Nordrhein-Westfalen e.V. , Wülfrather Str. 2, 42579 Heiligenhaus
  • Autorenpatin: Sarah Meyer-Dietrich - deutscher Autor von Kinder- und Jugendliteratur, Drehbuchautor und Hörspielautor - Nebenbei: Bloggerin, Schreibhilfe für akute Notfälle, Übungen in dialogischer Kunstvermittlung, Studium Kulturwissenschaft Fernuni Hagen
  • Autorenpate: Sascha Pranschke
  • Zeitraum: 01.01.2017 - 31.12.2017
  • Ort: Essen
  • Bundesland: Nordrhein-Westfalen
 

Downloads und Presselinks zur Autorenpatenschaft Nr. 26


Über nachfolgende Links können Sie sich Pressemitteilungen anschauen und das Buch mit den Projektergebnissen nach Fertigstellung als PDF runterladen. Zur Ansicht wird ein PDF Reader benötigt.

Download des Buchs (PDF)

Autorenpatenschaft Nr. 26

 

Projektbeschreibung

Bedingt durch den Strukturwandel sind viele Quartiere im Ruhrgebiet sozial benachteiligt. Dazu zählen auch die Stadtviertel im Essener Norden (Altenessen, Katernberg, Stoppenberg etc.). Trotz der räumlichen Nähe zur Universität Duisburg Essen gibt es hier nur wenige Übergänge der Grundschüler in diesen Stadtteilen zu Gymnasien oder Gesamtschulen. Der starke Zuwachs einer eher armutsbedrohten, nichtdeutschen Bevölkerung prägt die Statteile. Der Anteil Arbeitsloser liegt hier deutlich über dem städtischen Wert.

Die Bündnispartner werden sich daher im Projekt auf Jugendliche aus dem Essener Norden konzentrieren und ihnen durch die Teilnahme am Projekt den Zugang zu kultureller Bildung und damit zu kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen. Über die auf Carl gGmbH und ihre Kontakte in die Stadtteile hinein werden Jugendliche auf das Angebot aufmerksam gemacht und zur Teilnahme ermutigt. Die Bündnispartner stellen das Projekt auch an Schulen in der Umgebung vor, um hier unmittelbar die potentielle Zielgruppe zu erreichen.

Neben der kulturellen Bildung im Sinne von literarischer Kompetenz konzentriert sich das Bündnis auch auf die Unterstützung der Jugendlichen bei der Aneignung des eigenen Stadtgebietes und allgemein der gesellschaftlichen Teilhabe mit einem Schwerpunkt auf umweltpolitischen Themen.

Eine literarische Auseinandersetzung mit Themenbereichen wie Wasser in der Stadt (Hochwassermanagement, Schwammstadt-Konzepte), energieeffiziente Bebauung, urbane Landwirtschaft, Bienen in der Stadt und nachhaltige Kleidungsproduktion (wenig Wasser- und Rohstoffbedarf) wird angestrebt.

Basierend auf Exkursionen und fachlichen Inputs durch Experten entwickeln die Jugendlichen in der Gruppe Ideen, in welcher Form sie die Themen literarisch aufgreifen und verarbeiten wollen. Teil der literarischen Arbeit ist dabei zunächst die Entwicklung einer utopischen Zukunftsstadt, in der die Jugendlichen dann ihre Texte ansiedeln. Die Texte der einzelnen Teilnehmer bilden gemeinsam einen Kurzroman mit verschiedenen Handlungssträngen.

 

Bilder

 

Texte der Autorenpatenschaft Nr. 26


Essen im Jahr 2127

Kapitel 1: Familie Pottgießer (Lina Haj Omar, ZinebAlawad, NourJabra, Sham Jabra, AyaAlothman, Oliver Mohammad, Abdullah Lazkani)

Pottgießers waren eine Familie, die aus vier Personen bestand: Lilith, Ringo und ihre beiden Kinder Paul und Mustafa. Paul ist 18, Mustafa 16.

Doch vor einem Jahr hat Ringo Pottgießer Selbstmord begangen. Er hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Aber Lilith glaubt, dass es wegen seiner Schulden war. Ringo hatte eine kleine Firma, die schlaue Kleidung herstellte. Aber die Geschäfte liefen nicht so gut, wie sie sollten, weil die kleine Firma wenige Möglichkeiten für Werbung und Vertrieb hatte. Deshalb hat Ringo Verluste gemacht.[1]

Nach Ringos Tod bekam die Familie Schwierigkeiten, und es gibt immer wieder Konflikte zwischen Lilith und ihren Söhnen. Paul ist deshalb vor einem Jahr ausgezogen und lebt seitdem bei seinem Opa Tate Pottgießer. Er hat keinen Kontakt mehr zu Lilith und Mustafa, die nicht wissen, wo Tate lebt – bei seiner Frau Annie Pottgießer, Ringos Mutter und damit auch die Oma von Mustafa und Paul, wohnt er jedenfalls nicht mehr. Mustafa lebt immer noch mit seiner Mutter zusammen, denn er will sie nicht auch noch allein lassen. Er ist genauso sensibel wie seine Mutter, die nicht mit Ringos Tod klarkommt. Die Familie hat immer noch Geldprobleme. Obwohl Lilith sich auf Drängen des Essener Großkonzerns IDEA dazu entschieden hat, Ringos Firma und die Patente für die schlaue Kleidung zu verkaufen.

Jetzt, an einem Montagmorgen, sitzen Lilith und Mustafa gerade beim Frühstück.

Mustafa sagt: „Mama, es ist langweilig, wenn wir jeden Tag nur diese Tabletten essen. Und es ist doch auch keine große Leistung, so zu kochen.“[2]

„Tut mir leid, Schatzi“, sagt Lilith. „Aber wir haben kein Geld. Die Tabletten kosten nicht viel. Und wir brauchen keine Küche.“

„Aber wo ist denn das Geld?“, will Mustafa wissen. „Du gehst doch arbeiten.“

„Mit dem Geld bezahle ich deine Schulgebühren“, sagt Lilith. Denn im Jahr 2127 ist es teuer, zur Schule zu gehen – ein Nachteil an dem eigentlich so großartigen Schulsystem, das Präsident Salie Brown eingeführt hat.

„Dann geh ich eben nicht mehr zur Schule, Mama“, sagt Mustafa. „Ich will gar nicht noch mehr lernen. Wir brauchen das Geld. Ich will lieber arbeiten. Ich weiß, ich bin erst 16 Jahre, aber ich seh doch schon alt aus für mein Alter.“

„Nein, bitte, mein Sohn“, widerspricht Lilith. „Ich will, dass du die Schule fertig machst.“

Mustafa schweigt.

„Mustafa“, sagt Lilith. „Wir werden eine andere Lösung finden. Wir können diese Wohnung verkaufen und eine kleinere suchen. Wir sind ja nur noch zu zweit.“

„Was?!“, fragt Mustafa entsetzt. „Nee! Ich lasse nicht zu, dass du die Wohnung verkaufst. Ich fühle, dass mein Vater hier immer bei mir ist. Mama, wenn das Verkaufen die einzige Lösung ist, dann bitte, bitte lass mich arbeiten gehen.“

„Nein, Mustafa“, beharrt Lilith.

Mustafa wird sauer und schlägt mit der Faust auf den Tisch. Dann läuft er nach draußen. Wenn er doch zu Paul könnte. Früher ist er mit Problemen immer zu seinem großen Bruder gegangen. Der hat meistens gerade am Flexxiscreen gesessen und irgendwas programmiert. Wenn Mustafa doch auch jetzt mit ihm über seine Probleme sprechen könnte. Dann würde er Paul erzählen, dass die Mutter die Wohnung verkaufen und dafür eine neue kleinere kaufen will. Das darf nicht passieren. Paul würde es bestimmt schaffen, Lilith zu überzeugen, dass sie die Wohnung nicht verkauft. Aber Paul ist nicht da. Paul hat Lilith und ihn im Stich gelassen.

[1] Info: Schlaue Kleidung besteht aus Flexxifasern. Wenn es warm ist, kühlt die Kleidung, wenn es kalt ist, wärmt sie. Farbe und Länge können flexibel angepasst werden. Schlaue Kleidung wird jetzt erfolgreich vom Großkonzern IDEA produziert. Die neuen Versionen sind bei Markteinführung sehr teuer. Aktueller Trend: Kleidung, die sich farblich der Stimmung anpasst.

[2] Info: Im Jahr 2127 ernähren sich viele Menschen von kostengünstigen Fast-Food-Tabletten. Die Tabletten muss man auf einen Teller legen. Danach muss man Wasser kochen und auf den Teller schütten. Dann wird die Tablette zu einer Speise. Zum Beispiel zu einem gebratenen Hähnchen. Das restliche Wasser wird vom Teller aufgesaugt. Zum Thema Teller: Die sind im Jahr 2127 natürlich auch schlau! Sie gleichen die Temperatur aus und zeigen an, wie viel Zucker, Kalorien, Vitamine etc. die Speise enthält.

 

Bilder

 

Kapitel 2: Annie, Tate und Paul Pottgießer

Annie war halb Fee und halb Mensch und sah sehr jung aus. Nicht ganz so jung wie eine Vollfee, aber eben doch viel jünger als eine Menschenfrau in ihrem Alter. Denn immerhin war Annie bereits in den Siebzigern, sah aber höchstens aus wie 40. So oft sie konnte, besuchte sie ihren Mann Tate und ihren Enkel Paul im Untergrund und brachte ihnen leckeres Essen und neue Infos vom Leben über Tage in den Untergrund. Denn hier im Untergrund, in den alten Bergwerken von Essen, befand sich die Zentrale der geheimen Rebellengruppe Emschergroppen, die Tate und Annie gegründet hatten.

Annie erinnerte sich noch an den Tag, an dem Tate beschlossen hatte, im Untergrund zu leben. Und an seine Worte: „Ich weiß, dass du es sehr schwer findest, dass wir getrennt leben müssen. Ich gehe in den Untergrund. Da bin ich in Sicherheit und kann mich weiter für unsere Ziele einsetzen. Ich war zu kritisch, ich habe uns in Gefahr gebracht. Aber ich möchte nicht, dass du mit in den Untergrund gehst. Du liebst das Tageslicht und die frische Luft zu sehr. Und wir brauchen dich da oben. Wir arbeiten alle zusammen. Wir müssen diese Opfer bringen, damit unsere Gesellschaft wieder freier leben kann.“

„Woran denkst du?“, fragte Tate nun.

„Nichts, nichts“, sagte Annie. „Wie ist das Leben im Untergrund?“

Tate antwortete: „Wie immer. Sehr schwer. Es ist hier so warm. Man schwitzt die ganze Zeit, auch ohne körperlich zu arbeiten.“

Annie fragte: „Wie verbringt ihr denn sonst so eure Zeit hier unten?“

„Mit Büchern“, erklärte Tate. „Und wenn wir Langeweile haben, reden wir über Politik und Gesellschaft. Über eine Welt, wie wir sie uns wünschen. Mit gesunder Natur, vielen schönen Orten, in der wir kein Wasser mehr verschwenden, sodass genug für alle da ist und es keinen Grund mehr gibt, einen kalten Krieg mit anderen Ländern zu führen.“

Paul sagte: „Zum Glück bekommen wir hier unten jetzt auch Trinkwasser. Savannah hat eine Konstruktion für uns entwickelt, um das Regenwasser von oben nach hier unten zu leiten und zu speichern. Sie hat ja früher als Ingenieurin gearbeitet.“

Annie fragte: „Kann ich einen Becher Wasser haben?“

Paul brachte einen Becher und sagte grinsend: „Du musst alles austrinken. Wir wollen nichts verschwenden.“

Nachdem sie getrunken hatte, schaute Annie auf ihr Holofon, bemerkte dass sie keinen Empfang hatte und war deshalb wie immer im ersten Moment ein bisschen verwirrt. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass es hier unten keinen Empfang gab.

„Meint ihr nicht, es fällt irgendwann auf, wenn ich immer wieder für eine ganze Weile offline bin?“, wollte Annie wissen. „Ich habe mir gedacht, es könnte für uns alle gefährlich sein, wenn die Regierung aufmerksam wird und mich genauer ins Auge fasst.“

„Ich werde dein Holofon manipulieren“, schlug Paul vor. „Wie meins. Dann merkt man nicht, dass du offline bist.“

Tate war ruhig und sagte nichts. Dann fing er an zu lachen. „Zum Glück muss ich mich mit so etwas nicht auseinandersetzen. Das ist der Vorteil, wenn man als tot gilt und immer im Untergrund lebt.“

Annie und Paul lachten auch.

Dann fragte Annie: „Wann kommen die anderen Emschergroppen?“

Sami Rezali

Kapitel 3: Emschergroppen

Wie jeden Sonntag fand das Treffen der Emschergroppen im Untergrund statt und ebenfalls wie jeden Sonntag kam Avery zu spät. Sie war in Eile und hatte noch ihre Baruniform an.

„Sorry, dass ich zu spät bin“, sagte sie. „Wusstet ihr, dass Leute sich sogar an einem Sonntag betrinken mögen? Ich wusste das bis jetzt jedenfalls nicht.“

„Sei ruhig und setz dich hin, Avery. Wir haben vieles zu besprechen“, sagte Jeff genervt und zeigte auf Averys Platz.

Avery setzte sich gehorsam neben Savannah, die schon längst da war.

„Wieso kommst du eigentlich immer später als Savannah, obwohl ihr doch zusammen wohnt?“, fragte Jeff.

„Jeff, ich habe noch hundert andere wichtige Aufgaben, als nur zu den Emschergroppentreffen zu kommen. Savannah kümmert sich nur um ihre Zeitmaschine und die Arbeit in der Bücherei mit geregelten Arbeitszeiten. Und ... sie ist eben viel organisierter als ich“, antwortete Avery und legte ihren Kopf auf den Tisch.

„Wenn dann alle bereit sind, lasst uns die Sitzung beginnen“, schlug Tate vor und stand auf. Tates Platz war ganz in der Mitte des Raums, weil er als Gründer der Emschergroppen ihr natürlicher Anführer war. Jedes Mitglied hatte Respekt vor ihm und seinen Ideen. Er war auch das älteste Mitglied der Gruppe.

„Jeff, berichte, was du in der Villa Hügel erfahren hast“, sagte Tate nun.

Jeff stand auf und begann zu reden: „Also, zuerst beobachtete ich den Präsidenten Salie Brown. Er war mit dem Manager von IDEA verabredet. Leider fand die Besprechung hinter verschlossenen Türen statt. Deswegen ging ich zu seiner Sekretärin und sprach mit ihr. Ich fragte sie ganz nebenbei darüber aus, was Salie mit diesem IDEA-Typen zu besprechen hatte. Sie antwortete, dass sie mir das eigentlich gar nicht sagen sollte, aber als Praktikant wäre es vielleicht doch wichtig, dass ich solche Sachen weiß.“

„Hast du vielleicht etwas Hilfreiches gehört?“, fragte Tate.

Jeff nickte. „Dass der IDEA-Manager bei Salie war, hatte einen guten Grund. Die beiden wollen unbedingt Land von einigen Bauern abkaufen. Warum, das konnte oder wollte die Sekretärin mir auch nicht sagen. Aber es war klar, dass IDEA wohl ziemlichen Druck auf diese Bauern ausübt und auch vor Erpressung nicht zurückschreckt.“

„Mit der Info lässt sich doch arbeiten“, sagte Annie. „Das muss an die Öffentlichkeit. Wir brauchen nur eine gute Gelegenheit.“

„Die hab ich vielleicht auch schon“, sagte Jeff. „Salie Brown besucht morgen das IDEA-Hauptquartier. Weil eine neue Filiale der schlauen Kleidung eröffnet werden soll.“

„Toll, dann hört genau zu. Unsere nächste Aktion findet auch morgen statt“, sagte Tate.

„Morgen?“, fragte Paul verwirrt. „Aber Opa, wir haben doch nichts besprochen.“

„Paul, hast du etwa nicht zugehört?“, fragte Tate. „Morgen besucht der Präsident das IDEA-Hauptquartier auf Zollverein. Wir müssen intervenieren. Mein Vorschlag wäre eine Aktion mit Flugblättern. Was denkt ihr darüber?“

„Flugblätter?“, fragte Avery und stand ruckartig auf. „Das ist nicht witzig, Tate. Glaubst du wirklich, dass Papier den Präsidenten von seinen bescheuerten Plänen abhalten kann? Sei nicht dumm. Es ist gar nicht radikal! Unsere Aktion braucht mehr Kraft!“

„Beruhige dich, Avery“, sagte Savannah leise und guckte ihre Freundin beschwörend an.

Tate näherte sich Avery, schaute sie mit ernstem Gesichtsausdruck an und sagte: „Das war nur ein Vorschlag, Avery. Du musst dich nicht sofort aufregen. Ich finde, dass wir die Aktionen ruhiger durchführen sollten. Was sagt ihr anderen?“

„Ich stimme Tate zu“, sagte Annie. „Immerhin haben wir jetzt interessante Infos über IDEA, die wir auf die Flugblätter drucken können.“

Jeff nickte. „Ich finde die Idee mit den Flugblättern sinnvoll.“

„Hast du keine Angst, dass der Verdacht auf dich fällt?“, fragte Paul seinen Freund.

Jeff schüttelte den Kopf. „Die Sekretärin ist so eine Tratschtante ... Die hat das garantiert alles dem halben Ministerium erzählt. Ich hab morgen frei und könnte sogar selbst beim Flugblätter verteilen helfen.“

„Dann bin ich auch dafür“, stimmte Paul zu.

„Und du, Savannah?“, fragte Tate. „Bist du auch dafür?“

„Ja, die Flugblattaktion sollte zur Zeit reichen“, sagte Savannah.

Julia Kaczor

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