Geschichten über Armut und Reichtum
Projektdaten:
- Titel: Geschichten über Armut und Reichtum
- Bündnispartner 1: Grundschule Geschwister-Scholl-Schule, Schreberstraße 37, 67657 Kaiserslautern
- Bündnispartner 2: Büro der Oberbürgermeisterin, Bildungsbüro der Stadt, Stadtverwaltung Kaiserslautern, Willy-Brandt-Platz 1, 67657 Kaiserslautern
- Bündnispartner 3: Friedrich-Bödecker-Kreis im Land Rheinland-Pfalz und in Luxemburg e.V., Saarstraße 21, 54290 Trier
- Autorenpatin: Christina Bacher, geb. 1973 in Kaiserslautern, lebt heute nach Lehr- und Wanderjahren in Kaiserslautern, Marburg, Bonn, Prag und Montpellier mit ihrer Familie in Köln. Seither betreibt sie „Bachers Büro“, eine Schmiede für Texte aller Art. Neben der Arbeit als Chefredakteurin beim Straßenmagazin DRAUSSENSEITER arbeitet sie regelmäßig für verschiedene Medien. Ganz besonders gerne tourt sie mit ihren Jugendbüchern durch Schulen. Sie ist Dozentin erfolgreicher Schreibwerkstätten, moderiert Lesungen und Podiumsveranstaltungen und bietet Workshops und Fortbildung zu verschiedenen Themen an. Christina Bacher war Stipendiatin des Kölner Kulturamts im Scriptorium der Antoniterkirche, außerdem ist sie Mitglied der Mörderischen Schwestern und im SYNDIKAT – dem Verein zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur. Im Jahr 2020 erhielt sie eine Auszeichnung des Sonderfonds der Kunststiftung NRW für ihre Idee „Die Letzten hier – Obdachlosen eine Stimme geben“, das als Buch erschienen ist.
- Zeitraum: 23.02.2026 - 27.02.2026
- Format: Modul 3 (kurzzeitig)
- Ort: Kaiserslautern
- Bundesland: Rheinland-Pfalz
Downloads zur Autorenpatenschaft
Für diese Maßnahme ist auf Grund der kurzen Dauer keine Publikation vorgesehen. Texte und Bilder des Projektes finden Sie weiter unten.
Projektbeschreibung
Was bedeutet Armut für ein Kind? Statt drei Kugeln Eis nur eine oder oft auch gar kein Eis? Getragene Jeans aus dem Second-Hand-Laden und nicht die schicke neue, wie sie die Schulkameradin trägt? Das Zimmer mit der Schwester teilen? Wie empfinden Kinder diese Umstände? Und wie stellen sich Kinder Reichtum vor?
Die Kinderbuchautorin Christina Bacher arbeitet seit vielen Jahren mit Menschen, die in prekären Situationen leben. Deren Texte, aber auch ihre eigenen Kurzgeschichten zu dem Thema werden die Kinder während der Auftakt-Lesung in der Schule auf das Thema der Schreibwerkstatt einstimmen.
Sicher kennen einige Kinder diese Nöte aus eigener Anschauung, die Geschichten geben auch ihnen die Möglichkeit, von sich abstrahieren zu können. Oftmals erleben Kinder Hauptfiguren mit ähnlichen Problemen als heilsam, beim Schreiben können Parallelen zu ihren eigenen Verhältnissen gezogen werden. In der Schreibwerkstatt werden alle Kinder von Frau Bacher ermuntert, eine Geschichte zu entwickeln. Dabei stehen Hauptfiguren im Vordergrund, die ein Problem haben und die im Laufe der Geschichte eine Entwicklung mitmachen.
Bilder zur Autorenpatenschaft
© Christina Bacher
Texte der Autorenpatenschaft
Zwiegespräche auf der Straße
Der Text ist entstanden im Rahmen der Wörter Welten-Schreibwerkstatt zum Thema „Armut“ mit Kindern der 4. Klasse der Geschwister-Scholl-Schule in Kaiserslautern unter der Leitung von Christina Bacher
Ganz in der Nähe der Geschwister Scholl Schule in Kaiserslautern lag jeden Tag ein obdachloser Mann in einer kleinen Unterführung. Immer, wenn Lily daran vorbeilief, sah sie ihn. Warum lag er nicht auf der Bank daneben, überlegte sie? Da fiel ihr auf, dass die Bank durch mehrere Lehnen unterteilt war. Davon hatte sie schon gehört: Feindliche Architektur nannte man das, wenn man extra Bänke aufstellte, auf denen sich die armen Leute nicht hinlegen konnten. Lily machte das traurig und sie beschloss, einen Brief an den Bürgermeister zu schreiben.
Es war erst morgens, aber Marlon war schon richtig müde vom Tag. Wieder mal lag er auf dem Boden auf einem Stück Pappe, direkt neben der Bank, die man erst letztens hier aufgestellt hatte. Es ist einfach nur gemein, damit man überall solche Dinger aufstellt, auf denen man nicht liegen kann, dachte er. Besser wäre es natürlich noch, wenn es einen Schlafplatz für uns Obdachlose geben würde. Innendrin war er richtig sauer. Aber vor Hunger schlief er immer wieder ein. Er sah wohl das Mädchen vorbeilaufen, die ihn anschaute. Aber er würde nie von einem Kind Geld annehmen. Letztens hatte ihm eine ältere Dame 50 Euro gegeben. Davon hat er sich einen Hund gekauft. Mit Hund würde er erstrecht keine Wohnung finden, das wusste er. Und während Marlon schlief, gingen ihm eine Menge Dinge durch den Kopf. Fragen, die er gerne mit anderen teilen würde. Aber niemand hörte ihm mehr zu.
Hier seine Gedanken:
Wer wohl diese seltsamen Bänke entworfen hatte?
Meine ganzen Gelenken tun schon so weh.
Ich möchte so gerne ein Haus finden, in dem ich mit einer Familie leben kann.
Nicht mal ein Zuhause für Obdachlose gibt es hier, in dem man Hunde mitnehmen kann.
Ich schäme mich.
Ich habe nicht so viel Geld.
Wer kümmert sich um meinen Hund, wenn mir etwas zustößt?
Mein Hund gibt mir Wärme und Sicherheit.
Warum stehen in Kaiserslautern so viele Häuser leer? Kann man dort nicht mich und meine Kumpels unterbringen? Jedenfalls im Winter?
Hier draußen auf der Straße, hier ist mir immer nur kalt.
Vielleicht könnte ich auch mal einen alten Freund fragen, ob er mir hilft. Ich habe ja noch Freunde aus der Grundschule, die mir vielleicht helfen könnte. Oder Geld geben. Ich würde es auch ganz sicher wieder zurückbezahlen.
Ich hoffe, dass ich wieder meine Familie treffe. Ich vermisse sie so sehr. Meinen Bruder, den vermisse ich am meisten. Mein Bruder sieht mir sehr ähnlich. Aber ich weiß nicht, wo er wohnt.
Ich weiß nicht, ob meine Familie noch lebt. Ich habe nämlich kein Geld und ich habe keinen Computer und kein Handy. Deswegen kann ich überhaupt nichts rausfinden.
Was ist, wenn mein Bruder der Architekt ist, der diese Bänke entworfen hat, auf denn man nicht liegen kann. Hätte er vielleicht andere Bänke entworfen, wenn er gewusst hätte, dass sein Bruder obdachlos ist?
Meine Schwester vermisse ich megadoll.
Wir haben früher immer zusammen Lego Star Wars gespielt.
Ich frage einfach mal, ob der Mann dort vorne auch Weber heißt. Vielleicht ist es ja mein Bruder. Dann habe ich wieder Kontakt mit denen. Ich hatte schon lange keinen Kontakt mehr mit meiner Familie. Ich hoffe, dass ich meine Familie wiederfinde. Aber ich habe Angst zu fragen. Vielleicht ist sie ja mein Bruder. Und er sieht mich, dass ich arm bin. Ein bisschen schäme ich mich auch.
Ich frage doch lieber nicht. Ich habe nämlich Angst vor Fremden, weil von denen geht ja auch Gefahr aus. Aber ich muss mich trauen.
„Hallo! Hast du auch vielleicht den Nachnamen Weber? Kennst du einen Marlon? Ja, ich glaube, ich bin dein Bruder.“
Vielleicht wird jetzt alles wieder gut.

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